Literatur

Paul Ott

Paul Lascaux

Ab Mitte Juli 2008 in jeder Buchhandlung!

ISBN: 978-3-89977-785-7

230 Seiten, Euro 9.90 - SFr. 18.50

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Bern, im Sommer. Der Detektiv Heinrich Müller und seine Partnerin Nicole Himmel werden zu einem Grillfest des Künstlers F. K. Swiss eingeladen. Auf der Party wird ein surreales Kunstobjekt vorgestellt, das als Bratwurstgrill dient. Zur Gaudi des Publikums findet außerdem die Wahl einer Wurstkönigin statt.

Als Müller die Siegerin abholen will, findet er sie erstochen in einem Schrebergartenhäuschen. Am nächsten Morgen entdeckt die Polizei eine zweite Leiche: den Vertriebschef einer Großmetzgerei.

Es beginnen hektische Ermittlungen, an denen neben der Polizei auch die Detektei Müller & Himmel beteiligt ist. Eine heiße Spur führt die beiden Detektive in die dubiose Singleagentur "Happy Future" ...

 

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So beginnt der Roman:

Donnerstag, 3. Juli 2008, Neumond

 

Fünf Uhr in der Früh. Ein kurzer, satter, tiefer Schrei erfüllt die Gärten hinter dem Schlafzimmer. Es tönt nicht nach Sterben, aber auch nicht nach Lust. Heinrich Müller erwacht aus einem schweren Traum. Er weiß nicht, schreit ein Mensch oder ein Tier.

Baron Biber stürzt aus dem Tiefschlaf heraus vom Bett, rennt durchs Wohnzimmer in den Garten, um zum Rechten zu sehen. Die Katzentür klappert. Also war es doch ein Tier. Müller dreht sich auf die andere Seite. Eine Stunde später kommt Baron Biber unverrichteter Dinge zurück.

Der Tag beginnt mit einer bösen Ahnung.

...

Am Schlafen hatte den Detektiv letztlich aber auch die Frage gehindert, wie er auf die Einladung an die Künstlerparty vom kommenden Sonntag reagieren sollte. Unvergessen blieb, wie man ihn vor beinahe zwei Jahren dazu benutzt hatte, ein Kunstobjekt zu beschädigen, das bei seinem Auftraggeber versichert war.

Vielleicht würde Nicole Himmel, von der er bereits wieder ein paar Wochen lang nichts gehört hatte, auf ihn aufpassen, wenn sie denn mitkäme.

Aus dem Spiegel starrte ihn ein runzliges Gesicht an, als er den Rasierapparat auf die Haut setzte. Wer am Morgen zerknittert aufwacht, hat am Tag die besten Entfaltungsmöglichkeiten, dachte Müller. Ein Spruch aus den Siebzigern. Den konnte er im Altersheim noch bringen. Und plötzlich hellte sich seine Stimmung auf, und er wusste, er würde die Einladung annehmen, auch wenn er alleine hingehen müsste.

 

So weit kam es nicht. Nicole freute sich über seinen Anruf und sagte sofort zu. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Denn an Heinrichs Wohnungstür stand immer noch Detektei Müller & Himmel. Die goldenen Lettern waren teilweise bereits verblasst, aber sie erinnerten Heinrich bei jedem Betreten seiner bescheidenen Bleibe an den Fall, den er unter dem Titel Salztränen abgeheftet hatte, den verzwickten Fall im Emmental, bei dem er Nicole kennen und schätzen gelernt hatte. Henry Miller und Lucy, so nannten sie sich damals, und so wollte er wieder geheißen werden.

...

Sonntag, 6. Juli 2008

...

Henry Miller wusste, es konnte nicht gut gehen. Nicht an diesem Ort.

Die unscheinbare, eigentlich nur durch ihre Sandsteinbrüche bekannt gewordene Vorortsgemeinde Ostermundigen bildete die Kulisse für das folgende Geschehen. Ein ausgewuchertes Dorf im Speckgürtel der Stadt Bern, mit tiefem Steuersatz und dem Export aller Probleme ins Zentrum der Schweizer Hauptstadt, die – an sich schon ein behäbiges Pflaster – mit den Wünschen und Erwartungen aller Leute rund herum nicht fertig wurde. Es wurde wild gebaut in Ostermundigen. Einfamilienhaussiedlungen, die sich nicht zwischen Vorstadt und Land entscheiden konnten und deren Bewohner sich für kultiviert hielten, weil das Töchterchen neben dem städtischen Gymnasium einen Ballettkurs besucht und die Mutter ein Land-Abo fürs Stadttheater besitzt, während der Vater für die Fußballer der Young Boys und der Sohn für die Eishockeyaner des SC Bern die Fahne schwenkt.

Hier also kam es zum Kampfgrillen, hier stand inmitten der Schrebergartenhäuschen die Zügellos-Bar.

 

Am ersten Abend dieser Geschichte geschieht Folgendes: Eine Party wurde gefeiert, an deren genauen Verlauf sich nachher nicht mehr alle erinnern wollten. Ein runder Geburtstag ging vergessen. Einige Freundschaften wurden aufgebraucht. Ein paar Auto- und Wohnungsschlüssel gingen verloren. Ein Flug in die Ferien wurde verpasst. Es gab Abwechslung in den langweiligen polizeilichen Alltag. Ein Kind noch unbestimmten Geschlechts wurde gezeugt. Ein ausrangierter Bauwagen fing im Funkenflug Feuer. Ein halbes Kalb, zwei Schweine und ein Viertel Rind wurden in Wurstform verspeist. Kulturelle Fördergelder verpufften im aufkommenden Wind. Alle Sterne wurden gezählt. Es wurde haltlos geschnarcht. Eine Mann starb.

 

Mitten im Gelände thronte auf einem leicht erhöht stehenden Rattankorbsessel, den schon Emmanuelle benutzt haben musste, ein Mann in der Pose eines afrikanischen Leopardenkönigs und dirigierte mit seinem Zauberstab den DJ, der auf einem altertümlichen Plattenspieler Reggae-Songs aus den Siebzigern zum besten gab: Bob Marley mit I Shot the Sheriff, Culture und ihr Two Sevens Clash, Lloyd Parks mit Officially, Songs im Herzschlagrhythmus, die in Henry gemischte Gefühle und Erinnerungen an junge Jahre weckten.

„Wer ist das denn?“, fragte Lucy fasziniert und erschüttert zugleich, als sie auf den abgegriffenen Zylinder deutete, auf dem F. K. Swiss zu lesen war.

„Mein Spezialfreund, der uns zu diesem Anlass eingeladen hat“, sagte Müller.

„Und was machen all die halbnackten Weiber hier?“

„Lass es uns herausfinden“, meinte Henry. „Swiss ist Objektkünstler.“

Der Objektkünstler?“, hakte Lucy nach, und ein leises Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.

„Du brauchst nicht in meiner offenen Wunde zu wühlen“, meinte der Detektiv.

„Kein Mensch heißt Swiss“, fügte Lucy an.

„Natürlich nicht. Das ist das Pseudonym für Franz Karl Schweizer.“

„Gut. So will natürlich kein Künstler heißen.“

F. K. steht für Franz Kafka“, ergänzte Heinrich.

„Das ist ein Witz“, meinte Nicole.

„Leider nein.“

„Also gibt es doch einen neuen Fall, du willst mich überraschen.“

„Nein“, sagte Henry. „Aber die Zeichen stehen auf Sturm.“

„Welche Zeichen?“, fragte Nicole.

„Bauchgefühl“, seufzte Henry.

Lucy lachte laut, so dass sie die Aufmerksamkeit nicht nur der Frauen, die alle um die Bar herum standen, heraufbeschwor, sondern auch die des Künstlers, der die beiden nun bemerkte und sie zu sich heranwinkte. „Seit wann kennen die Männer so etwas?“, fragte sie etwas leiser.

„Da musst grad du dich drüber lustig machen“, meinte Heinrich leicht beleidigt, „oder muss ich dich an deine letzte Eroberung erinnern, diesen Gymnasiallehrersohn?“

Trotz des prachtvollen Wetters war die Stimmung plötzlich leicht gereizt. Sie bahnten sich einen Weg durch die Menschen, die immer enger aneinander gedrängt waren, je näher sie der Zügellos-Bar kamen. Es gelang ihnen, im Vorübergehen je einen Drink zu schnappen, von der Farbe her der eine abenteuerlicher als der andere: rot-grün das Getränk in Henrys Händen, blau-violett das von Lucy.

Offenbar hatten die meisten Leute schon einiges zu sich genommen, und zu Essen war weit und breit nichts auszumachen, die Grillstände befanden sich am Rande des Geländes erst im Aufbau. Ein Teil der Gäste legte bereits eine Schweigeminute ein für den unbekannten Erfinder von Wienerli in Dosen.

„Seid herzlich willkommen!“, meinte Swiss huldvoll, indem er sich von seinem improvisierten Thron zu Heinrich Müller neigte. „Willst du mir deine bezaubernde Begleiterin nicht vorstellen?“

„Nicole Himmel, genannt Lucy“, sagte Henry. „Pass bloß auf.“

Swiss lachte. „Da besteht keine Gefahr“, sagte er, „hast du sie zum Wettbewerb angemeldet?“

„Welcher Wettbewerb?“, fragte Lucy, und ein gewisses Misstrauen schwang in ihrer Stimme mit.

„Wir wählen heute die Wurstkönigin, nach einem von mir patentierten Verfahren“, sagte Swiss. „Es wird alles aufgezeichnet und später als DVD veröffentlicht. Wie die Suicide Girls“, ergänzte er mit verschwörerischem Blick.

Lucy fand zu sich selber zurück. „Da müssen die Mädels aber noch ein bisschen was bieten. Welche Agentur hat dir denn diese Arschgeweih-Parade geschickt?“

Der Blick des Künstlers verschleierte sich leicht, als er sagte: “Ich kenne den Fotografen, der den Bauernkalender macht. Deswegen die etwas brachiale Eleganz einiger Models. Man möchte sagen, sie haben etwas Pferdehaftes.“

 

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