Paul Lascaux

 

Totentanz. Kriminelle Geschichten

 

 

Textausschnitt aus "Un-Zyt-Glogge"

"19.01 Uhr

Im Zeitlupentempo macht die Person die Bewegung des Hammers mit, rutscht auf dem rechten Fuss weg, versucht sich auf dem Dach abzustützen, findet keinen Halt auf den grünlichen Kupferplatten, bremst mit ihrem Gewicht den nächsten Schlag, den zweiten von sieben, droht den hölzernen Arm der Figur abzubrechen, dreht sich um die eigene Achse, schaut plötzlich auf die Menschenmenge hinab und lässt sich noch vor dem dritten Schlag fallen (Hans von Thann scheint aufzuatmen, er schnurrt die weiteren Schläge in gesteigerter Geschwindigkeit ab).

Der Mensch prallt einmal, zweimal auf dem roten Ziegeldach auf, bleibt kurz ausser Sicht des Publikums am Lukenfenster hängen (diese Sequenz wird aus den Videos geschnitten, um den Ablauf nicht unnötig zu verlangsamen), saust in ungebremstem Fall aufs Pflaster neben dem Tordurchgang und bleibt mit dem Gesicht nach unten liegen, dort, wo im Winter das Marronihäuschen steht."

 

Kritik

"Ein Seiltänzer ermordet einen Schlagzeuger, eine Partygesellschaft ein Mannequin, eine Emmentaler Sekte einen Playboy... Was die Morde in Paul Lascaux' Kurzgeschichtenband ‚Totentanz' so raffiniert macht, ist die oft absurde Motivation: Der Seiltänzer etwa bringt den Schlagzeuger um, weil er im Bandnamen ‚High Heel Walking Without Nets' seinen Berufsstand verunglimpft sieht. Obwohl Lascaux' Geschichten alle sehr kurz sind, werden die Sachverhalte gleichsam im Zeitlupentempo enthüllt. Geradezu meisterhaft setzt der Autor die Retardierung in der ersten Geschichte ‚Un-Zyt-Glogge' ein: Dort ist es drei Seiten lang 17.55 Uhr; allerdings nicht, weil die Zeit langsam vergeht, sondern weil eine Leiche das Uhrwerk blockiert. Die 19 ‚Totentanz'-Geschichten sind Etüden in Suspense, und das im besten Sinn."

(Luzerner Zeitung)