Paul Lascaux

"Un-Zyt-Glogge"

 

 

 

 

Es geschah an einem Freitag im Juni 1993 in Bern, einem warmen, hellen Frühsommertag.

 

17.55 Uhr

Am Fuss des Zytglogge-Turms hat sich eine knappe Hundertschaft erwartungsvoller Touristen eingefunden, um kurz vor dem Abendessen, als Apéro sozusagen, den Geist mit etwas Kultur zu beflügeln. Die Leute sind gespannt auf Hans von Thann, den goldglänzenden Stundenschläger mit dem Hammer auf der Turmspitze, beleuchtet von einem crèmefarbenen Sonnenstrahl.

 

17.55 Uhr

Fotoapparate und Videokameras werden bereitgemacht, um den Narren aufzunehmen, der zwei nebeneinander hängende Glöcklein schlagen wird. Kronos auf seinem Thron muss ins Teleobjektiv, wie er die Sanduhr dreht. Den krähenden Hahn mit seinen schellenbesetzten Flügeln will man filmen.

 

17.55 Uhr

Gleich wird die Bärenparade beginnen, der stündliche Rundgang des Orchesters, das sich im Erker wie ein Karussell dreht. Es verschwindet im Innern des Turms und taucht wieder auf aus der Dunkelheit.

 

17.55 Uhr

Moderne Technik erlaubt aus nächster Nähe den Blick auf die astronomische Uhr. Anders als zu Zeiten ihrer Entstehung wird heute jeder kleinste Mangel bemerkt. Abblätternde Farbe müsste man ausbessern, krumme Zeiger und ähnliche Schäden sogleich beheben. Es käme nicht mehr vor, dass die Uhr jahrelang stillstehen würde wie einst im 18. Jahrhundert.

Man kann, sofern man die Zeichen zu deuten weiss, nicht nur den Wochentag, den Sonnenstand, die Mondphase und das Tierkreiszeichen ablesen, sondern ebenso Datum, Stunde und Minute!

 

17.55 Uhr

Stunde und Minute?

Die Leute werden unruhig und schauen auf die eigenen Uhren, die in Mechanik oder Quarz bereits einige Minuten über die volle Stunde hinaus anzeigen!

 

17.55 Uhr

Heute scheint nichts zu laufen, keine technische und kulturelle Begeisterung aufzukommen. Es ist in offizieller Zeit zwischen 18.08 Uhr und 18.12 Uhr.

 

17.55 Uhr

Die Uhr am Zytglogge ist stehengeblieben!

 

17.55 Uhr

Schon hat eine besorgte Bürgerin die Meldung an die Stadtpolizei weitergegeben, von wo sie unverzüglich zum Turmwart Peter Maurer kommt, dem Bediener der Gewichtsteine. Keine Viertelstunde hat es gedauert. Fünf Minuten später steht der Mann trotz Wochenendstimmung an der Eingangspforte des Turms und steckt seinen Schlüssel ins Schloss.

Die letzten Touristen ziehen murrend ab, um ihre Fotosujets gebracht, obwohl auf den fertig entwickelten Standbildern ohnehin niemand die Bewegung der Figuren sehen kann.

Ein Streifenwagen der Stadtpolizei fährt vor, der Sachverhalt verlangt nach Aufklärung. Die drei Beamten bleiben vorderhand im Auto sitzen.

Die ersten Schaulustigen unterbrechen ihren Gang durch die Lauben.

 

17.55 Uhr

Turmwart Maurer steigt die Treppe hoch und gelangt zum Raum mit dem Uhrwerk von Kaspar Brunner*, das heute noch in beinahe originalem Zustand erhalten ist, ein Meisterwerk spätmittelalterlicher Technik. Maurer knipst das Licht an: Das Uhrwerk steht still, es klackert und drückt und stösst nicht mehr, es rührt keinen müden Zahn, die Räder wollen nicht mehr.

Der Zytgloggerichter hat die Zeit verloren!

Die Gewichtsteine befinden sich in regulärer Höhe. Den Blick nach oben, geht der Wärter um die Mechanik herum, stösst an etwas Weiches, stolpert, fällt beinahe. Knapp kann er seinen Fuss noch auf den Boden stellen, das heisst, etwas liegt zwischen seinem Fuss und den Steinen, und als Peter Maurer nach unten schaut, bemerkt er, dass er auf einem Bein steht.

Er macht zwei Schritte zurück und blickt auf eine verdreht liegende männliche Gestalt, die mit einem Arm das Gehwerk blockiert, die Räder in ihrem Lauf und somit die Welt in ihrem Sinn behindert.

Der Turmwart ist empört: Ein Betrunkener, ein Wahnsinniger, ein Selbstmörder muss sich nach dem öffentlichen Rundgang, gegen den er schon immer Stellung bezogen hat, versteckt und dann sein frevlerisches Tun begonnen haben. So wühlt es in des Zytgloggerichters Kopf.

Das darf doch nicht wahr sein!

Ohne zu überlegen, aber in offizieller Funktion zerrt der Turmwart am Arm des Mannes und bekommt das Gehwerk frei, den zentralen Teil der Uhr, ohne den nichts läuft, wenn auch erst nach einer Zusatzanstrengung, nach einem letzten Ruck, der zwar den Arm aus dem Metall herauskatapultiert, gleichzeitig jedoch die Hand vom Daumen reisst, der im Viertelstundenwerk zerquetscht wird.

Peter Maurer wird übel, er kann nicht mehr an sich halten, er muss sich übergeben. Er besudelt die Schuhe des Mannes und verpasst mit einem weiten Speien dem Bären mit der Trommel eine vorerst unbemerkte Mütze (was später zu einer ungeplanten Renovation führen wird, da die Magensäure Farbe und Kopf der Figur zu beschädigen droht).

 

17.56 Uhr

Nach dem ersten Schrecken bemerkt der Zytgloggerichter, dass die Hand des Mannes kaum blutet. Bald sieht er den Grund dafür. Weil er den Körper mit Wucht umgedreht hat, entdeckt er die grosse Blutlache, in der der Mann liegt. Seit kurzem scheint dieser Mensch tot zu sein, in seinem Rücken steckt etwas, was auf den ersten Blick einer dreizackigen Heugabel ähnelt.

Der Turmwart sollte seine heroische Tat zur Rettung der Zytglogge-Ehre noch lange bereuen. Mindestens ein Dutzend Mal muss er erzählen, wie er den Arm des Toten freigerissen, weshalb er nicht die Ankunft der Polizei abgewartet hat. Als "Daumen-Maurer" wird er in die Annalen der Unterstadt eingehen, die Geschichte über Generationen in den Beizen weitergereicht.

Aber was will man erwarten von einem ehemaligen Fussballer beim FC Bern, dem einstigen Traditionsklub mit bescheidener Gegenwart. Der Mann ist als Torwart jahrelang auf schnelle Reaktion getrimmt worden!

 

17.58 Uhr

Zwei Streifenpolizisten haben das Vorrücken der Zeiger bemerkt und steigen die Treppe hoch, um den Grund der Panne ausfindig zu machen und weiterzumelden.

 

18.00 Uhr

Touristen sind jetzt keine mehr anwesend.

Auf dem Platz stauen sich die Verwunderten, die alle das Schauspiel der Turmfiguren betrachten und an die eigene Uhr klopfen oder sie ans Ohr halten, weil sie an ihrer Funktionstüchtigkeit zweifeln.

 

18.08 Uhr

Ein Polizeibeamter stürzt zum Auto, benachrichtigt in aufgeregten, kaum verständlichen Worten den Mann in der Zentrale, der ihn zur Ruhe mahnen muss und dann die Meldung an die Kriminalpolizei weitergibt. Der zweite versucht in der Turmstube seine Fassung zu bewahren. Er trifft unsinnige Anweisungen. Unter anderem will er die Uhr erneut stoppen und den Daumen aus dem Metall herausklauben, was ihm der Turmwart jedoch nicht bewilligt.

 

18.24 Uhr

Die Männer im Zytglogge schweigen. Damit sie nicht ständig den Blick auf die Leiche richten müssen, zählen sie die Steinquader in den Wänden.

Das Uhrwerk knackt.

Von unten ertönen einzelne Stimmen, die näherkommen; zu lange dauert das hier oben.

Detektiv Hasler erscheint in der Türe, nach einer Treppe bereits ausser Atem.

 

18.27 Uhr

Hasler hat die Papiere des Toten an sich genommen. Es handelt sich um den stadtbekannten Hotelier Peter "Pierre" Weibel, Pächter des Luxusrestaurants "Vue des Alpes" und bürgerlicher Gemeindeparlamentarier.

Später stellt man fest: Das Mordinstrument ist eine überdimensionale Gabel, ein Ausstellungsstück, entwendet an einer Gastronomiefachmesse. Jemand hat sie absichtlich geschärft, die Zacken zugespitzt.

 

18.34 Uhr

Der Mord, denn um einen solchen handelt es sich offensichtlich, ist erst vor kurzem begangen worden. Wenn die Todeszeit in etwa mit dem Stillstand der Uhr übereinstimmt, kann der Täter kaum durch die Tür entwichen sein; viele Menschen müssten ihn sonst beobachtet haben. Weitere Fluchtwege sind ausgeschlossen.

 

18.43 Uhr

Detektiv Hasler entdeckt im Staub der Treppenstufen, die in den Dachstuhl führen, Spuren von Schuhen. Er schickt einen Polizisten nach oben, mahnt ihn zur nötigen Vorsicht.

Turmwart Maurer sitzt mit dem Rücken zur Wand am Boden, den Blick auf die Leiche geheftet.

 

18.52 Uhr

Der Polizist kommt unverrichteter Dinge zurück, die Dachluke sei verschlossen, sie gebe auch auf Druck nicht nach, und er wolle kein historisches Bauwerk beschädigen, indem er etwa das Schloss zerschiesse.

 

18.56 Uhr

Auf der Strasse unten ist die Zahl der Gaffer stark gestiegen. Verwunderte Touristen sind in Erwartung des stündlichen Schauspiels stehengeblieben. Die Menge ist erregt, ein unüberhörbares Raunen verstärkt sich.

Haslers Funkgerät quietscht. Obwohl er nichts versteht, errät er den Sinn der Mitteilung.

 

18.58 Uhr

Der Detektiv stürzt in einem plötzlichen Anfall von Beweglichkeit nach unten, erreicht den Platz, sieht den Kollegen von der Streife am Pistolenhalfter nesteln.

 

18.59 Uhr

Hasler dreht sich um und blickt nach oben, wohin alle Leute zeigen.

Neben Hans von Thann steht eine lebende Figur, die sich auf seinen Hammer stützt.

 

19.00 Uhr

Hasler schreit, bleibt jedoch ungehört. Der Lärm der Menge übertönt ihn.

Wenigstens sind die folgenden Ereignisse auf zahllosen Videos und Fotos vom unscharfen Polaroid bis zur Tele-Grossaufnahme dokumentiert. Man wird sie in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen, ja selbst über die Fernsehsender ausstrahlen.

Der Mensch klammert sich an Hans von Thann fest, der Schlag mit dem Hammer (das heisst, das Drehen der Figur am Gestänge) will nicht gelingen. Aber schliesslich ist der Mechanismus stärker, die Glocke ertönt, wenn auch dumpf. Kronos bleibt der Mund offen stehen ob derartiger Befehlsverweigerung.

 

19.01 Uhr

Im Zeitlupentempo macht die Person die Bewegung des Hammers mit, rutscht auf dem rechten Fuss weg, versucht sich auf dem Dach abzustützen, findet keinen Halt auf den grünlichen Kupferplatten, bremst mit ihrem Gewicht den nächsten Schlag, den zweiten von sieben, droht den hölzernen Arm der Figur abzubrechen, dreht sich um die eigene Achse, schaut plötzlich auf die Menschenmenge hinab und lässt sich noch vor dem dritten Schlag fallen (Hans von Thann scheint aufzuatmen, er schnurrt die weiteren Schläge in gesteigerter Geschwindigkeit ab).

Der Mensch prallt einmal, zweimal auf dem roten Ziegeldach auf, bleibt kurz ausser Sicht des Publikums am Lukenfenster hängen (diese Sequenz wird aus den Videos geschnitten, um den Ablauf nicht unnötig zu verlangsamen), saust in ungebremstem Fall aufs Pflaster neben dem Tordurchgang und bleibt mit dem Gesicht nach unten liegen, dort, wo im Winter das Marronihäuschen steht.

 

19.21 Uhr

Die Strasse wird weiträumig abgesperrt. Die Reporter der lokalen Zeitungen können die Nachricht noch auf der Titelseite der Wochenendausgabe plazieren.

 

19.27 Uhr

Die ersten Ermittlungen haben die Identität des Toten geklärt: Claudio Armato, Koch des Konkurrenzrestaurants "Bernerhof".

 

19.32 Uhr

Im "Vue des Alpes" wartet man auf den Chef, der um 19 Uhr eine Abordnung der nationalrätlichen Finanzkommission hätte begrüssen sollen.

 

19.38 Uhr

Im "Bernerhof" werden die ersten Gäste, die seit mehr als einer halben Stunde auf ihr Essen warten, ungeduldig, das Küchen- und Servicepersonal gerät in Unruhe. Dem Betrieb droht das Chaos.

 

19.47 Uhr

Es wird nie geklärt, wie die beiden Männer zu den Schlüsseln gekommen sind, die ihnen Zugang zum Innern und zur Spitze des Zytgloggeturms verschafft haben.

 

19.52 Uhr

Der Turmwart Peter Maurer geht in gedrückter Stimmung nach Hause, nachdem man ihm mitgeteilt hat, dass er vor Abschluss des Ermittlungsverfahrens nicht einmal die Turmuhr richten dürfe. Sein Wochenende ist gelaufen.

Die Touristen haben etwa eine halbe Stunde länger Zeit, das Film- und Videomaterial in Ordnung zu bringen und die Lichtverhältnisse zu überprüfen, auch wenn ob dieser Verzögerung mancher an der bernischen Pünktlichkeit zu zweifeln beginnt.

Bald ist es zum Fotografieren ohnehin zu dunkel.

 

19.59 Uhr

Der Koch war der Liebhaber des Hoteliers.