Literatur

Paul Ott

Paul Lascaux

Ab Mitte Februar 2008 in jeder Buchhandlung!

ISBN: 978-3-89977-757-4

227 Seiten, Euro 9.90 - SFr. 18.50

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Ein mysteriöser Autounfall im Emmental nahe Bern. Hans Bähler, Käseeinkäufer der Großhandelsfirma „Moloko“, prallt ungebremst an einen Baum und stirbt.
Privatdetektiv Heinrich Müller, der von einer Versicherung mit der Untersuchung des Falls beauftragt wird, macht sich auf den Weg in das abgelegene Tal. Dort lernt er die Ethnologiestudentin Lucy kennen, die Feldstudien bei Schweizer Ureinwohnern betreibt und sich schon bald als glänzende Partnerin bei den Ermittlungen erweist. Mit Scharfsinn und Intuition kommen die beiden einem dunklen Geheimnis auf die Spur, das tief in der Vergangenheit des idyllischen Tals vergraben liegt.
 

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So beginnt der Roman:

Samstag, 16.9.2006

Heinrich M├╝ller war gro├č geworden mit Pausenmilch, Perry Rhodan hatte ihn sozialisiert, Doktor Sommer aufgekl├Ąrt. Er war mehrfach ungl├╝cklich verliebt zu finnischem Tango, den schmerzhaftesten Herzensverlust hingegen begleitete Eric Burdons 'House of the Rising Sun'. Erste detektivische Ambitionen bewirkte Michelangelo Antonionis 'Blow Up', das Gymnasium beendete er mit Jimi Hendrix. Die Ausbildung zum Polizisten war ├╝berschattet vom Gegensatz zwischen L├Ąndlern und chinesischer Revolution. Beim Austritt aus dem Polizeidienst unterst├╝tzte ihn die Entdeckung von Single Malt Whisky.



 Ein Sprung zum fünften Kapitel:

Mittwoch, 20.9.2006

Der Kurzgraben ist ein Schatten- und Nebelreich zwischen zwei H├╝gelausl├Ąufern, der Kurzenegg und der Wildegg. Die Stra├če f├╝hrt hinter Langnau Richtung Entlebuch auf der rechten Seite nach S├╝den, entlang des Wildgrats zuerst nach hinten ins Tal, das immer enger wird. Die Bergflanken ber├╝hren auf beiden Seiten beinahe das Asphaltband, das parallel zum Bach verl├Ąuft. Dort, wo die Stra├če einknickt, wo es nicht mehr anders geht als von der Fl├Ąche den Berg hoch, kurz nach der Einm├╝ndung der Schatten in die Kurzen, gibt es eine Abzweigung in den Schattgraben, von wo der Weg nur noch zu Fu├č weiterf├╝hrt auf die Scheidegg.
Zuvorderst in diesem engen Tal findet man den Weiler Schatthalb mit seiner kleinen K├Ąserei, die in den letzten Jahren einen so wunderbaren Emmentaler produziert hat, und drei oder vier Bauernh├Âfe. Aus dem gr├Â├čeren Haupttal wird die Milch hierher gebracht, auch hinunter von der Wildenalp, wo die K├╝he ges├Âmmert werden. Dort hinauf f├╝hrt die schmale, kurvenreiche Stra├če weiter die Flanke des Wildgrats entlang, immer steiler, bis der Wagen knarzt, der Tacho kaum mehr schlappe 40 zeigt und die deutschen Touristinnen, die man im B├Ąren aufgelesen hat, mit belegter Stimme fl├╝stern: "Geht es nicht etwas langsamer? Wir haben Familie und Kinder zu Hause." Zuoberst erreicht man die Alph├╝tte, der das Restaurant Sternen angegliedert ist, ein beliebtes Ausflugsziel, 'nah am Himmel', wie die Wirtsleute, Fritz und Marie B├Ąr, zu sagen pflegen.

Drunten im Tal liegt Kurzenau mit seinen gut zweihundert Einwohnern, drei Wirtschaften (B├Ąren, L├Âwen, Hirschen, die unheilige gastwirtschaftliche Trinit├Ąt im Emmental), einer Post, vor der die unregelm├Ą├čigen Postautokurse halten und die bald geschlossen werden soll, einer reformierten Kirche aus dem 19. Jahrhundert, einem Kolonialwarenladen (ge├Âffnet zweimal die Woche, mittwochs und samstags), einem Lokalmuseum namens 'Heimatstube' (Besuche nach vorheriger telefonischer Anmeldung) und einem leer stehenden Schulhaus, vor dem die Sch├╝ler auf den Bus warten, der sie in den Hauptort bringen soll.

Im Schachen wohnen noch einmal hundert Menschen, dort, wo das Geschiebe der Kurzen vor ihrer M├╝ndung in die Ilfis ├ťberschwemmungsboden bereitstellt. Dort steht die Mehrzweckhalle, die einmal im Jahr f├╝r die Gemeindeversammlung und nach Bedarf f├╝r das Treffen der K├Ąsereigenossenschaft genutzt wird, w├Ąhrend sie sonst den drei Dorfvereinen zur Verf├╝gung steht: dem Sch├╝tzenverein, der Damenriege und dem Jungz├╝chterverband Kurzengraben. Runde Geburtstage, Hochzeiten und Taufessen finden in einer der drei Wirtschaften statt, wo auch die Politik am Stammtisch ausgemacht wird, und zwar Dorf-, Tal-, Kantons-, Landes-, Europa- und Weltpolitik.

Drei Besonderheiten im Tal der Schatten sind noch zu erw├Ąhnen: Erstens der Sandstein-Gew├Âlbekeller, den die Armee in den Drei├čigerjahren aus der Fluh unterhalb der Scheidegg herausgebrochen hat, um dort Munition zu lagern, und der heute dem K├Ąser zur Affinage seiner Emmentaler dient. Zweitens eine spektakul├Ąre, steile Schlucht, die die Schatten aus derselben Fluh am Ende des Tales gegraben hat und die heute bis auf halbe H├Âhe begehbar ist. Dann ÔÇô hinauf zur Scheidegg ÔÇô folgen Treppen mit rostigen Stahlseilen und eine Leiter, der nicht mehr zu trauen ist. Und drittens befindet sich oberhalb der Scheidegg die Nassalp, eine voralpine Moorlandschaft, die f├╝r die K├╝he nur schwer begehbar ist, daf├╝r dank der k├Âstlichen Kr├Ąuter eine ausgezeichnete Milch liefert.

In diese Richtung fuhr Heinrich M├╝ller. Er hatte sich mehr Zeit gelassen als geplant, da der Weg ja nicht so weit war. So traf er sich mit all den anderen, die eben Feierabend gemacht hatten, an der Stadtgrenze von Bern und reihte sich ein in die Kolonne Richtung Langnau, die sich vor der Einfahrt ins Tal zum gef├╝rchteten Kurzschachen-Stau verdichtete. Gut, Stau ist ein bisschen viel gesagt bei knapp dreihundert Einwohnern. Aber da die Autodichte 120 Prozent betrug ÔÇô nur knapp ├╝bertroffen von der lokalen Handydichte ÔÇô gab es zur zweimal t├Ąglichen Sto├čzeit kaum ein Durchkommen in den Kurzgraben, zumal gleichzeitig auch noch die diversen Milchfuhrwerke unterwegs waren.
Trotz des Todesfalls vom Montag war es ein normaler, ruhiger Abend: Ein paar Bauern beluden ihre vierradangetriebenen Subarus und Toyotas, Leute, die von au├čerhalb des Tals zur├╝ckkamen, hupten sich ihren Weg frei, der Schulbus spuckte ein paar Halbw├╝chsige aus und in dem an Langnauer - also sozusagen bereits fremde F├Âtzel - vermieteten St├Âckli spielten ein paar maskierte Kinder im Feng-Shui-Garten 'R├Ąuber und Gendarm'. Daneben hatten die neuen Besitzer eines gelb gestrichenen Hauses aus den 50erjahren radikal aufger├Ąumt, alles Gestr├Ąuch, alles Lebendige ausgerissen, das Biotop zugesch├╝ttet, die Erde planiert und einen Rasen ges├Ąt, der nur dank Unkrautvertilger wuchs. Im K├╝hlschrank daf├╝r alles vom Biobauern.
M├╝ller stellte sein Fahrzeug ab und machte einen kurzen Dorfrundgang. Stattliche Bauern- und B├╝rgerh├Ąuser im Dorfkern, Satteldach, Walmdach, R├╝ndi, Laube, alles vom Feinsten, geschnitztes Holz, manchmal bemalt, gut unterhalten und doch in der einbrechenden D├Ąmmerung eher d├╝ster. Unterwegs sch├Ątzte er bereits die Kneipen ab. Nur der B├Ąren pries G├Ąstezimmer an. Ein Emmentaler Wirtshaus aus dem 18. Jahrhundert, breite Fensterfront, vier Stockwerke, braune Fensterl├Ąden, der Eingang in der Mitte ├╝ber drei Stufen zu erreichen, dar├╝ber ein altes Holzschild Gasthof zum B├Ąren, zwischen dem zweiten und dritten Stock aus der Fassade herausragend die furchteinfl├Â├čende Figur eines braunen Mutz mit aufgerissenem Maul und aufgestellten Ohren. M├╝ller trat in die Wirtsstube, wo bereits ein paar Leute den Abend mit einem Bier begannen. Der Wirt, ein gro├čer, schlaksiger Mann zwischen 50 und 60, hatte gerade keine Zeit. M├╝ller musste warten. Der Fremde aus Bern fiel sofort auf. Weshalb sollte bei diesem Wetter einer aus der Stadt hier v├Âllig ├╝berraschend ├╝bernachten wollen.

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