Paul Lascaux

 

Der Lückenbüsser

Ein Internet-Krimi

 

 

 

 

 

 

 

 

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Verlag der Criminale

 

 

 

 Textausschnitt

 

Türkis

 

"Das sieht nach einer bösen Geschichte aus, Bernhard", sagte Dr. Peter Raduner. Der Rechtsmediziner zeigte auf den Körper einer jungen Frau, der vor ihm auf dem Seziertisch lag. Der Kantonspolizist mochte gar nicht erst hinschauen. Tote machten ihn sentimental, und in diesem Zustand funktionierte sein Gehirn nicht mehr in der logisch durchdachten Konsequenz, die er für sich beanspruchte. Sein Denken wurde in solchen Situationen vom Gefühl bestimmt, was zu seiner Verblüffung immer wieder überraschende Resultate hervorbrachte. Aber es war ein unangenehmer Zustand, der ihn verunsicherte.

Bernhard Spring ist ein Detektiv der Kantonspolizei Bern, wie es ihn eigentlich gar nicht geben dürfte. Er hat kein Pflichtenheft, sondern wird im ganzen Kanton gerade dort eingesetzt, wo es einen wie ihn braucht. Seine Kollegen bezeichnen ihn als "Störfahnder", ein Künstler im Umgang mit Leichen, unstet und auf das Wandern zwischen Zeiten und Kulturen bedacht. Zudem ist er der Herrscher über das Kriminalmuseum, in dem die Geschichte der Verbrechen dokumentiert wird, vom harmlosen Diebstahl über die lächerliche Fälschung zum grausamsten Mord.

Gelegenheit zur Vervollständigung der Sammlung geben ihm verschiedene Ereignisse, die ihn als Vertreter des Dezernats "Leib und Leben" in die hintersten Winkel des weitläufigen Staatsgebildes tragen. Denn ein Staat ist er noch, der Kanton Bern, wenn auch der Glanz des "Ancien Régime" abgebröckelt ist und ein grosser Teil des ehemaligen Gebiets verloren ging. Aber dieses Bern bleibt eine selbstbewusste politische Einheit, gebeutelt durch kleinere und grössere Skandale, aber aufrecht.

"Nein, nein", wehrte Spring ab, "du brauchst sie nicht umzudrehen, ich glaube dir auch so. Ist sie an den Schlägen gestorben?"

"Wahrscheinlich nicht. Die verschiedenen Farbschattierungen der Prellungen weisen eher darauf hin, dass irgendeine Art von körperlicher Züchtigung über Wochen und Monate hinweg ausgeführt wurde. Schmerzhaft, aber nicht tödlich."

"Womit wurde sie gequält?"

"Das ist schwierig zu sagen. Es muss ein tellerartiger Gegenstand von etwa zehn Zentimetern Durchmesser gewesen sein, schwer, aber nicht kantig, sonst hätte er stärkere Verletzungen hinterlassen."

"Eine Faust?", fragte der Detektiv.

"Kaum. Vielleicht in einen Handschuh eingepackt, aber eher nicht. Die Prellungen sind oberflächlich, aber immer an schmerzhaften Stellen wie über dem Rippenbogen, wo die Haut entsprechend dünn ist, insbesondere bei einer derart mageren Person."

"Mach's nicht so spannend! Woran ist sie denn gestorben?"

"Na, weißt du", Raduner schnalzte mit der Zunge, "die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Aber wenn ich die Leiche anschaue, würde ich sagen, die Frau ist verhungert oder verdurstet."

Spring brauchte einen Augenblick, bis er sich einen solchen Tod in seinem Kanton Bern vorstellen konnte.

"Verhungert oder verdurstet? Wie lange muss man denn da ohne Essen und Wasser sein?"

"Bei dieser Hitze reichen drei Tage ohne Wasser, vielleicht weniger, wenn du den schlechten allgemeinen Zustand mit berücksichtigst."

"Und keine weiteren Anzeichen äusserer Gewalt? Ich meine, abgesehen von den nicht tödlichen Schlägen?"

"Na ja, so will ich das nicht sagen. Aber keine Beweise für einen offensichtlichen Mord."

"Deshalb waren die Ostermundiger Kollegen so wortkarg!"

Spring blickte der Verstorbenen noch einmal ins Gesicht, von dem ihm der Ausdruck des Leidens im Gedächtnis haften sollte.

"Nicht deshalb", meinte der Rechtsmediziner, "aus einem andern Grund."

Mit diesen Worten schlug er das Tuch ganz von der Leiche zurück.

Spring war es unangenehm, einen Menschen nach dem Tod in seiner ganzen Blösse zu sehen, Körperteile zu betrachten, die dieser vor andern möglichst verborgen hielt. So liess er den Blick nur langsam nach unten wandern, weil Raduner nichts weiter sagte. Zuerst bemerkte er eine Verletzung im Bauchnabel.

"Hier fehlt ein Piercing, irgendein Ring oder ein anderer Schmuck. Die Wunde ist nicht völlig verheilt. Also ist das Piercing noch nicht sehr alt oder das Loch immer wieder aufgerissen. Das geschieht an dieser empfindlichen Stelle häufig. Jedenfalls fehlt der Ring erst seit kurzem. Aber jetzt, mach dich auf etwas gefasst."

Der Arzt hob seine hohle Hand, die er wie zufällig auf den Bauch der Frau gelegt hatte, und sagte: "So etwas habe ich noch nie gesehen!"

Sichtbar wurde eine hässliche Wunde zwischen Bauchnabel und Schamhaar, ein mandelförmiges Loch in der Haut von der Länge eines kleinen Fingers. Spring musste die aufsteigende Übelkeit bekämpfen, aber er wusste nun, dass es seine Pflicht war, genauer hinzusehen.

Raduner meinte: "Hier hat jemand absichtlich ein Stück Haut herausgeschnitten. Und ich wette, dass die junge Frau das nicht selbst gemacht hat."

Spring schluckte und fragte zwei Dinge gleichzeitig: "Warum nicht? Geschah es vor oder nach dem Eintritt des Todes?"

"Erstens: Ein solcher Schnitt ist derart schmerzhaft, dass jemand wahrscheinlich in der Hälfte aufhören oder gar ohnmächtig würde. Zweitens: Eher nach dem Tod, da es an den Schnitträndern offenbar zu keinen grösseren Blutungen kam."

Beide schauten erst auf diese entsetzliche Wunde und dann einander ins Gesicht.

"Also doch ein Mord", sagte Spring nach einer langen Pause.

"Ich will mich nicht festlegen", antwortete Raduner. "Vielleicht ein gut unterstützter Selbstmord in Raten, vielleicht ein Quälen in den Tod hinein. Das Herausschneiden der Haut muss mit dem eigentlichen Tod nichts zu tun haben."

"Aber jedenfalls keine einsame Tat einer verzweifelten jungen Frau, die keinen andern Ausweg wusste!"

"Irgendjemand hat nachgeholfen, davon kannst du ausgehen!"

Ans Nachhausegehen war natürlich nicht mehr zu denken, Hitze hin oder her. Bernhard Spring bestellte einen Polizeiwagen zum Rechtsmedizinischen Institut und liess sich zum Posten Ostermundigen fahren, fünf Kilometer nach Nordwesten, angrenzend ans Stadtgebiet. Deshalb war die Kantonspolizei zuständig. Als der Detektiv dort eintraf, sassen Pfister und Weber, die beiden diensthabenden Beamten, die er aus einem Fortbildungskurs kannte, vor einem Bier. Spring bemerkte sofort, dass es nicht das erste war. Aber er wusste inzwischen, weshalb. Er setzte sich einfach dazu, nannte zur Sicherheit seinen Namen und wartete, bis einer der beiden den Mund aufmachte. Er musste nicht lange warten. Pfister, der ihn angerufen hatte, schluchzte auf, und plötzlich flossen ihm Tränen aus den Augen, so dass Weber zu sprechen begann.

"Heute mittag rief uns ein Bauer aus dem Gümligentäli an und erzählte uns eine unglaubliche Geschichte. Ein Wanderer sei ganz aufgeregt zu ihm gekommen und habe ständig gebrabbelt, damit wolle er nichts zu tun haben. Er sei nicht schlau geworden aus dem Gestammel, bis er ihn angebrüllt habe, er habe noch anderes zu tun, als Verwirrte anzuhören. Darauf sei dem Mann klargeworden, dass er etwas mitteilen wollte, und er habe in schwer verständlichen Worten etwa drei Mal gesagt, droben im Wald liege eine Leiche, und dabei auf den Ostermundigenberg in Richtung Rehtränki gezeigt. Dann habe er sich verabschiedet, sich nochmal umgedreht und sei plötzlich den Weg hinunter gerannt auf die Strasse und in Richtung Deisswil verschwunden.

Der Bauer habe sich lange überlegt, was da zu machen sei. Dann beschloss er, damit wolle er nichts zu tun haben, für Leichen sei die Polizei zuständig. Jedenfalls ist das die Geschichte, die er uns aufgetischt hat, als er anrief. Aber er hat nicht so geklungen, wie wenn er selber die Entdeckung gemacht hätte. Wir sind also zu ihm hochgefahren und haben uns den ungefähren Ort zeigen lassen. Die Sache ist nämlich etwas verzwickt. Am Berg oben verlaufen die Gemeindegrenzen. Zuerst haben wir überlegt, ob wir die Kollegen aus Muri beiziehen wollten, bevor wir losgingen. Aber dann haben wir uns gesagt, vielleicht war das nur so ein Spinner, und wir schauen besser mal nach. Wenn es denn wirklich eine Leiche ist, muss man in dieser Hitze schnell handeln."

Weber seufzte, und Pfister behalf sich mit einem weiteren Schluck Bier. Spring hatte für sich ebenfalls eine Flasche gefunden, der Durst hatte ihn beinahe betäubt. Wenn nicht diese unglaubliche Geschichte gewesen wäre, wäre er eingeschlafen.

"Dann seid ihr also raufgestiegen?", fragte er Weber.

Aber jetzt redete Pfister: "Hätten wir es besser nicht getan! Warum muss ausgerechnet ich heute Dienst haben? Es ist so verdammt steil da oben, da klebt die Uniform nach wenigen Schritten am ganzen Körper. Gut, im Wald bist du ein wenig geschützt. Aber als wir die Frau da liegen sahen..."

Weber ergänzte: "Ich hab sofort mein Handy genommen, den Arzt und die Spurensicherung bestellt. Und dann wusste keiner von uns, wo er hinschauen sollte. Die arme Frau! Verdreht lag sie im hellen Laub, als ob jemand sie weggeworfen hätte."

"In dieser steilen Hanglage?", fragte Spring etwas ungläubig.

"Bei der Rehtränki gibt es eine kleine Plattform, gross genug für ein paar Menschen, dort lag sie", sagte Pfister. "Das Gesicht voll Schmutz, ganz nackt. Und dann hab ich an diesem schmächtigen Körper runtergeschaut und dieses Loch im Bauch gesehen..."

Spring wusste, dass er ungerecht war, aber in diesem Augenblick nervten ihn weinende Polizisten, und der Ton seiner Stimme wurde strenger, als es angemessen war: "Ihr zeigt mir jetzt diese Rehtränki!"

"Muss das sein? Nochmal da rauf? Ich kann das nicht mehr sehen", jammerte Pfister.

"Dann bleib hier, aber Weber kommt mit!"

 

Der Kantonspolizist lenkte den Wagen durch die Siedlung Rüti von der andern Seite des Hügels her in den Wald.

"Das ist die Bergstrasse", erklärte er unterwegs, "wir fahren durch bis zur Höhenstrasse und nehmen dort den Pfad nach unten."

"Was ist denn die Rehtränki überhaupt?", fragte Spring.

"Das sind drei Stollen, die vor über zweihundert Jahren in den Berg hinein getrieben worden sind, wahrscheinlich um besonders ergiebige Schichten für den Abbau von Sandstein zu suchen, weil damals der alte Steinbruch langsam erschöpft war und die Herren aus der Stadt Bern neues Material für ihren Hausbau brauchten. Wir haben das Gelände bei einem Betriebsausflug mal besichtigt, und zwar deswegen: Es gibt unter einem riesigen Sandsteinblock einen doppelten Stollen, der selbst bei grösster Trockenheit Wasser führt. Na ja, dort haben sich wohl die Rehe versorgt, deshalb der Name. Der eine der beiden Tunnels ist begehbar, allerdings musst du die ersten paar Meter kriechen, dann kannst du dich wieder aufrichten und etwa zwanzig Meter in den Berg hinein tasten. Kannst dir vorstellen, dass das für Buben eine wunderbare Mutprobe ist."

"Und dort lag die Frau?"

"Nein. Wart's ab. Ich erzähle das bloss, weil die wasserführenden Stollen auf Muriger Gemeindegebiet liegen. Um einen Vorsprung herum, gut dreissig Meter davor, wenn wir das Weglein runtergehen, liegt ein ähnlicher Ausbruch auf Ostermundiger Boden, zehn Meter tief, einen knappen Meter breit und gerade die notwendige Höhe, dass man darin stehen kann. Wenn du dich eine Weile angewöhnst, hast du Licht genug bis zum Ende des Gangs, der immer trocken bleibt. Vor dem Eingang liegt eine kleine Mulde. Dort haben wir die Frau gefunden."

Die beiden Polizisten waren inzwischen aus dem Auto ausgestiegen und folgten den Reifen- und anderen Eindrücken, die die Ermittlungsspezialisten und der Rettungswagen zurückgelassen hatten. Der Pfad war unter normalen Umständen kaum zu erkennen. Mit der nötigen Vorsicht konnte jemand also einen Körper hinunter transportieren, ohne alle zu viele Spuren zurückzulassen. Jetzt war das Laub von vielen Füssen zertrampelt und der Weg gut sichtbar.

Bald standen Spring und Weber vor dem Eingang zum etwas unheimlich wirkenden Stollen, unheimlich, weil sein Zweck nicht ersichtlich war und weil beiden Polizisten die Bilder der Toten im Kopf herumschwirrten. Spring traute sich aus Respekt vor der jungen Frau nicht, die Plattform zu betreten, und Weber hielt sich so weit abseits wie möglich. Der Fahnder liess seinen Blick durch den Wald den Abhang hinunter schweifen auf die vom letzten Sonnenlicht erhellten Felder im Gümligentäli. Dann drehte er sich um und sagte zu seinem Kollegen: "Das riecht nach einer arrangierten Sache. Die Frau sollte hier nicht versteckt, sondern gefunden werden. Sonst hätte man sie problemlos im hinteren Stollen deponieren können, da hätte man sie wahrscheinlich monatelang nicht entdeckt."

"Aber wer kann so was gemacht haben? Da müssen doch mindestens zwei getragen haben", meinte Weber.

"Hast du die Frau gesehen? Die hat doch kaum mehr vierzig Kilo gewogen. Das kann einer allein machen, sie über die Schulter legen und nach unten tragen. Die Eindrücke in den Boden wären allerdings etwas tiefer, die Rutschgefahr grösser, aber vom Gewicht her sehe ich kein Problem. Allerdings muss den Leuten der Ort gut bekannt gewesen sein. Also gehen wir mal von einer Täterschaft aus der Umgebung aus."

"Von hier, aus dem Dorf?", fragte Weber skeptisch. "Wer soll sowas getan haben?"

"Was weiss ich, so lange wir keine Daten zur Person kennen, bleiben uns nur Vermutungen. Ich muss mir überlegen, ob wir das Bild der Frau in der Zeitung haben wollen, so lange wir nicht mehr wissen. Ihr hört euch im Ort um, ob jemandem irgend etwas aufgefallen ist, Streit in der Familie, eine Frau, die nicht mehr am Arbeitsplatz erschienen ist, eine regelmässige Kundin, die fehlt..."

"Jetzt, in der Ferienzeit? Das fällt doch keinem auf."

"Hört euch trotzdem um. Ich schau alle Vermisstmeldungen durch und gebe die Daten an die umliegenden Polizeistationen weiter. Mehr fällt mir im Augenblick nicht ein."