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Mord im Alpenglühen

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Paul Ott: Mord im Alpenglühen

Der Schweizer Kriminalroman - Geschichte und Gegenwart

 

Vorbemerkung

Wenn wir vom Schweizer Kriminalroman sprechen, meinen wir üblicherweise alle in der Schweiz wohnhaften deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, die sich zur Publikation ihrer Texte der Buchform bedienen. Es gibt leider nur wenige sprachübergreifende Kontakte, deshalb sind die französischsprachigen Autor/innen nur am Rande bekannt, italienische und rätoromanische Krimis gibt es meines Wissens keine. Vereinzelte Autor/innen arbeiten hauptsächlich für den Radio- und Fernsehbereich, kaum jemand hat mit Filmproduktionen zu tun.

 

Die Ursprünge

Wie erratische Blöcke stehen die Pioniere des Schweizer und damit des deutschsprachigen Krimis überhaupt in einer frühlingshaften Bergarchitektur. Es sind Einzelgänger, die eine kleinräumige Landschaft mit wüsten Verbrechen füllen, die aber der untergründigen Verunsicherung einen standhaften Detektiv gegenüberstellen, einen Vertreter von Recht und Ordnung, der mit einer Welt kämpft, deren Moral und menschliche Werte in der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg zu zerfallen drohen.

In Carl Albert Looslis (1877-1959) „Die Schattmattbauern" entstand 1926 (erschienen 1932) der erste eigentliche Kriminalroman, der gleichzeitig mit dem Emmental (Kanton Bern) eine eigentümliche Kulturlandschaft ins Zentrum stellte, die bereits im 19. Jahrhundert Gegenstand des literarischen Interesses war (Jeremias Gotthelf) und deren Faszination für den Kriminalroman bis heute ungebrochen ist. Man kann sogar sagen, dass im Kanton Bern in den letzten fünfzig Jahren in Kriminalromanen annähernd so häufig gemordet worden ist wie im richtigen Leben. Loosli erzählt die Geschichte eines verarmten Bauern, der als mutmasslicher Mörder in die Mühlen der Justiz gerät und daran zerbricht, obwohl er letztlich freigesprochen wird.

Loosli hat Erfahrungen mit dem Eingeschlossensein in Erziehungsheimen, ebenso wie die grosse Figur des Schweizer Krimis, Friedrich Glauser (nach dem der renommierte Glauser-Preis des „Syndikats" benannt ist). Glauser (1896-1938) schrieb seine sechs Kriminalromane Mitte bis Ende der Dreissigerjahre. Sie sind geprägt von seinen Lebensumständen als entwurzelter Mensch, der zwischen Selbstmordversuch und Psychiatrie, zwischen Fremdenlegion und Entmündigung, zwischen Kokainrausch und Liebessehnsucht schwankte und dennoch (oder müsste man sagen: deswegen?) herausragende Literatur schrieb. Sein Körper gab auf, als Glauser nach der Flucht aus der Klinik zusammenbrach und starb, einen Tag, bevor er seine Krankenschwester und Geliebte heiraten wollte.

Exemplarisch sichtbar wird die letztlich gescheiterte Existenz des Friedrich Glauser in „Matto regiert", wo Wachtmeister Studer, der behäbige, Brissago rauchende Kommissär der Berner Kantonspolizei, Ordnung in das Leben der Menschen bringt: „Da sass vor ihm ein einfacher Fahnder, ein älterer Mann, an dem nichts Auffälliges war: Hemd mit weichem Kragen, grauer Anzug, der ein wenig aus den Fugen geraten war, weil der Körper, der darin steckte, dick war. Der Mann hatte ein bleiches, mageres Gesicht, der Schnurrbart bedeckte den Mund, so dass man nicht recht wusste, lächelte der Mann oder war er ernst. Dieser Fahnder also hockte auf seinem Stuhl, die Schenkel gespreizt, die Unterarme auf den Schenkeln und die Hände gefaltet..." („Wachtmeister Studer")

Glauser betont das Atmosphärische und erweitert damit das Krimigenre. Er stützt die Gebeutelten und „kleinen Leute", indem er die Grossen und Mächtigen zu Tätern werden lässt. Zu einem Muster und Vorbild für viele spätere Autoren wurde er aber auch durch den ausgiebigen Gebrauch von Helvetismen (schweizerdeutschen Ausdrücken im hochdeutschen Text).

Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) übernimmt und erweitert Glausers Konzept mit seinen drei Kriminalromanen aus den Fünfzigerjahren und seinem Kommissär Bärlach (der ebenfalls in Bern tätig ist): „Der Richter und sein Henker" (1952), „Der Verdacht" (1953), „Das Versprechen" (1957). Dürrenmatt, der gläubige Atheist und moralische Zyniker, entwickelt mit Bärlach eine Figur, die nicht nur in seiner Arbeit gegen das Böse kämpft, sondern auch im privaten Leben eine Wette mit dem Teufel abgeschlossen hat, an der er schliesslich zerbricht. Bärlach vereint Doktor Faustus und Wachtmeister Studer, ein Spagat, der genügend Abgründigkeit erzeugt, um auch heute noch wirksam zu sein. 1985 nimmt Dürrenmatt das Thema des Kriminalromans mit „Justiz" wieder auf, einer bitterbösen Abrechnung mit dem politischen System und der vermeintlichen staatlichen Gerechtigkeit.

 

Die 80er-Brücke

Glauser und Dürrenmatt blieben unerreicht, und viele Autoren strebten diesen Vorbildern nach. Aber es gab auch einige, die neue Wege suchten und sich befreien wollten von Vorgaben, die sie als provinziell und einengend empfanden, oft zu wenig darauf vertrauend, dass Präzision und Detailtreue die Grundsubstanzen für Literatur sind, die eine überregionale Tiefenschärfe erreicht.

Zwischen den Pionieren und dem Jetzt bildete sich eine Brücke von Autor/innen, die meist in den Achtzigerjahren mit dem Schreiben von Kriminalromanen begannen und häufig bis zum heutigen Tag aktiv blieben:

Peter Zeindler (*1934) publizierte 1982 seinen ersten einer langen Reihe von Romanen mit Konrad Sembritzki, einem Agenten des Bundesnachrichtendiensts im Ruhestand und Antiquars (in Bern, wo denn sonst?). Der vierfache Gewinn des Deutschen Krimipreises und eines Ehren-Glausers sagt alles über eine beispiellose Karriere. Dass der Agententhriller auch heute noch funktioniert, bewies Zeindler 2000 mit „Abschied von Casablanca".

Alexander Heimann (1937-2003) debütierte 1980 mit „Lisi", einem anarchischen Thriller um einen alternden Mann, der sich von einer jungen Frau zu wilden Eskapaden verführen lässt. Einsamkeit war eines seiner Themen, den Leuten aufs Maul schauen und ihnen Lebensentwürfe für ein Alter geben, das durch Heimanns plötzliche Krankheit für ihn selber unerfüllt geblieben ist. Zweifacher Gewinner des Deutschen Krimipreises, lebte in Bern.

Sam Jaun (*1935, lebt in Bern und Berlin) wurde 1983 auf Anhieb bekannt mit „Der Weg zum Glasbrunnen". Seine Romane zeigen die Abgründe der beschaulichen Provinz, die sich hinter mehrheitsfähigen Meinungen und vermeintlich guten Sitten versteckt. Diese Schilderungen trugen ihm einen Deutschen Krimipreis und zwei Glauser ein.

Roger Graf wurde mit der Hörspielfigur des Philip Maloney bekannt, einem Detektiv in der späten Chandler-Tradition, seit Anfang der Neunzigerjahre auch in Buchform.

Werner Schmidli und Hansjörg Schneider brachten Basel ins Zentrum krimineller Aktivität, Marcus P. Nester und Clemens Klopfenstein erpressten die Migros, den grössten Detaileinzelhändler.

Paul Lascaux (das ist: Paul Ott) entwickelte seine kriminelle Energie in verschiedenen Romanen und zahlreichen Kurzgeschichten sowie als Herausgeber von Anthologien aus seiner Wahlheimat Bern. Jon Durschei liess seinen Pater Ambrosius in der Ostschweiz ermitteln. Die beiden Letztgenannten schreiben unter Pseudonym und starteten 1987 die orte-krimi-Reihe, die heute noch besteht.

Verena Wyss mit ihren sprachlich präzisen Erzählungen und Romanen, Milena Moser mit respektlosen Mordgeschichten, Christa Weber mit Erlebtem, das in kriminellen Umständen wieder aufblüht, und Jutta Motz mit ihrem unkonventionellen Ermittlungstrio „Drei Frauen...", die ihre Täter im internationalen Wirtschaftsmanagement suchen: Sie alle eröffneten dem Krimi aus weiblicher Sicht neue Jagdgründe.

Urs Richle erschloss mit einfühlsamer Personenarchäologie, Felix Mettler mit dem einsamen Wurf „Der Keiler" sowie Claude Cueni im Fernsehbereich dem Schweizer Krimi neue Welten. Willi Bär fand im Sport ein Thema für den Spannungsroman, James Douglas fasziniert mit visionären Thrillern, die dem CIA Hinweise auf terroristische Tätigkeiten geboten hätten, so der Geheimdienst lesen könnte.

Ulrich Knellwolf feierte Erfolge als mordender Theologe, Carlo Meier mit seinen Krimis für Kinder und Jugendliche. Peter Höner erzählte Geschichten aus Kenia und brachte einen Blick fürs Ungewohnte zurück in die Schweiz. Tim Krohn ist ein Grenzgänger zwischen literarischen Welten, immer wieder fliessen kriminalistische Elemente ein. Saro Marretta begeistert mit seinen Rätselkrimis die Schüler/innen für die Unterhaltungsliteratur. Und Jürg Weibel, ebenfalls in verschiedenen Genres zu Hause, beglückte die Welt mit einem „Kind von Madonna".

Jeder dieser Autorinnen, jedem dieser Autoren gebührte eine ausführliche Würdigung, für die hier leider der Platz fehlt. Einzelne verstehen sich als Hüter einer Schweizer Krimitradition, andere fühlen sich als Neuerer, jede/r ist lesenswert. „Banken, Blut und Berge", Peter Zeindlers Anthologie von 1995, setzte dieser Autorengeneration ein stilbildendes Denkmal.

 

Das Jetzt

Etwa 60 Autorinnen und Autoren haben in den letzten zehn Jahren mindestens einen Kriminalroman veröffentlicht. Dies widerspricht auf den ersten Blick Klagen über ein vermindertes Mass an Publikationsmöglichkeiten. Und trotzdem ist es so, dass immer weniger Verlage Texte einheimischer Autor/innen drucken. Das Fatale ist: Den Durchbruch erzielt man nur am deutschen Markt, und dafür sind die meisten Verlage zu klein. So entsteht das Paradox, dass es tendenziell mehr Schweizer Krimis in immer geringerer Auflage gibt.

Dennoch hier die Namen einiger Debütant/innen aus den letzten Jahren, auf deren literarische Entwicklung man gespannt sein darf: Monika Dettwiler hat das Feld des historischen Kriminalromans besetzt, Hans Peter Gansner beunruhigt die Schweizer Mentalität aus dem nahen Frankreich, Katarina Madovcik und Ruben Mullis bringen als Autorenpaar die russische Unterwelt in Schweizer Stuben, Stephan Poertners Held macht Zürichs Szeneviertel unsicher, Martin Suter kommt aus der Welt des Business und findet dort kriminelle Spuren, Susy Schmid liebt den grotesken Schrecken, Adrian Zschokke verbindet den Blick des Kameramanns mit den Ermittlungen seines schwergewichtigen Detektivs.

Die französischsprachigen Autor/innen befinden sich &endash; soweit sie nur in der Westschweiz publiziert werden &endash; eher am Rand des Geschehens und haben nur wenige Kontakte zu den Deutschschweizer Kolleg/innen. Einige Namen seien immerhin genannt: Jean-Jacques Fiechter (als einziger auf Deutsch übersetzt), Michel Bory, Yvan Dalain, Corinne Jaquet und Daniel Zufferey.

Meines Wissens hat es nur Jean-Jacques Busino über die Landesgrenzen hinaus geschafft und wird in französischen Verlagen publiziert. Seine „romans noirs" erfreuen sich grosser Beliebtheit, seine Performances mit der Live-Band „Daddy's Arms" bereichern jede literarische Nacht.

Gesamtschweizerische Tendenzen sind heute nicht auszumachen oder haben sich in der Vielzahl der Genres verloren, nicht anders als im restlichen Europa. Aber die Zersplitterung der Krimiszene wurde in letzter Zeit durch gemeinsame Anstrengungen überwunden. Der Autor dieses Berichts rief im Jahr 2001 die ersten „Mordstage" ins Leben, in Bern, der heimlichen Hauptstadt des Schweizer Krimis. Damit verbunden war die Anthologie „Im Morgenrot", die 25 Autor/innen vereinigte und eine weite Verbreitung fand (Herausgeber: Paul Ott). An der Landesausstellung „Expo.02" fanden überdies verschiedene stimmungsvolle Lesungen statt, an der erstmals französisch- und deutschsprachige Exponent/innen der Krimiszene teilnahmen. Wie an den ersten „Mordstagen" werden sich auch im Herbst 2003 zur zweiten Ausgabe wieder gegen 40 Autor/innen versammeln und sich gemeinsam dem Publikum präsentieren, diesmal in Zürich.

Wir haben also die ersten Schritte getan. Weitere sollen und müssen folgen, um die Schweizer Kriminalliteratur als festen Bestandteil des kulturellen Lebens dieses Landes zu etablieren.

 

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