Literatur

Paul Ott

Paul Lascaux

Herausgabe von älteren Schweizer Kriminalromanen

Paul Ott und Kurt Stadelmann

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Paul Altheer

Die 13 KatastrophenCriminalgeschichte

Detektivroman

Herausgegeben von Paul Ott, Kurt Stadelmann und Dominik MĂĽller

Schweizer Texte, Neue Folge, Band 31, 2010. 126 S. Nachdruck der Erstausgabe von 1926 Geb. CHF 34.00 / EUR 22.00 ISBN 978-3-0340-0972-0

Kurztext

Die Geschichte des Schweizer Kriminalromans steckt noch in den Kinderschuhen, als Paul Altheer zur Feder greift und den Detektivroman "Die dreizehn Katastrophen" schreibt. Wie der Titel andeutet, wird mit Bob Stoll ein Detektiv in die Welt gesetzt, der zwar schlau kombiniert und von Schauplatz zu Schauplatz hechtet, dem aber das Pech an den Fersen klebt und der am Ende, obwohl er den Fall aufklärt, mit ansehen muss, wie der Schurke ungeschoren davonkommt.
Altheer ironisiert hier dreissig Jahre vor DĂĽrrenmatts "Versprechen" mit spritziger Leichtigkeit ein Genre, dessen Tiefen man allenthalben erst auszuloten beginnt.

 

Paul Altheer

Die Berner Tageszeitung Der Bund war eine der wenigen Schweizer Zeitungen, die am 15. Mai 1959 einen Nachruf auf einen einst bekannten Zeitungsmann veröffentlichte:

"Im Alter von nahezu 72 Jahren ist in Zürich, wo er seit 1914 lebte, der aus St. Gallen stammende Schriftsteller Paul Altheer gestorben. Trotz einem schweren Leiden übte er seine Tätigkeit als Graphologe fast bis zuletzt aus. Der Verstorbene wurde namentlich als heiterer Novellist sowie als Verfasser humoristischer und satirischer Lyrik bekannt, weniger als Dramatiker, obwohl er über ein Dutzend Bühnenwerke veröffentlicht hat. Unter seinen Büchern haben die "Verdrehten Gedichte" und die "Demokratie im Frack" weite Verbreitung gefunden. In früheren Jahren war er als Redaktor der "Zürcher Volkszeitung", der "Zürcher Post" und des "Nebelspalters" tätig. Einer vergangenen Zeit gehörte auch die Mitwirkung Paul Altheers an einem literarischen Kabarett und am Radio Zürich an."

 

 

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Stefan Brockhoff

Musik im Totengässlein

Detektiv-Roman

Herausgegeben von Paul Ott und Kurt Stadelmann

Schweizer Texte, Neue Folge, Band 25, 2008.  208 S. Nachdruck der Erstausgabe von 1936 Br. CHF 24.00 / EUR 14.00 ISBN 978-3-0340-0912-6

 

Kurztext

«Wienert sog gleichmässig an seiner kalten Pfeife. Für seelische Tragödien hatte er wenig Sinn. Ihn interessierte der Fall, aber nicht seine Hintergründe. Was in den Menschen vorging, kümmerte ihn nur, wenn es zur Aufhellung beitragen konnte. Er war durchaus nicht herzlos, aber in den langen Dienstjahren hatte er sich rein sachliche Korrektheit angewöhnt.» 

Kriminalkommissar Wienert, der Gegenentwurf zu Glausers Wachtmeister Studer, kehrt in die literarische Landschaft zurück! Und mit ihm das Basel der Dreissigerjahre. 
Das Totengässlein ist ein ruhiges, abfallendes Stück Strasse. Doch dreimal in der Woche wird die Ruhe unterbrochen und es ertönt der falsche und scharfe Klang eines Leierkastens. Borro mit seinem grünen Papagei hinkt die Stufen herauf, setzt sich auf den flachen Brunnenrand und spielt seine melancholischen Lieder – und unermüdlich krächzt der Papagei sein «Danke schön». 
In derselben Stadt am Rhein mit einer bedeutenden chemischen Industrie geschäftet Hermann Kampschulte im Weinhandel und Immobilienbereich; ihm gehören fast alle Häuser am Totengässlein. Auch Kabarettbesitzerin Trude Schottler, sehr blond und mit unverheirateten 39 Jahren seit drei Wochen in eigenartiger Schwäche dem Barmixer Kurt Allmers verfallen, betreibt hier ihr «Odeon». Kampschulte und Schottler stehen in mehrfacher geschäftlicher Beziehung. Als Kampschulte eines Tages tot im Büro der Schottler entdeckt wird, tritt Kommissar Wienert auf den Plan. Der Polizeiarzt stellt fest, dass Kampschulte nicht an den vom Barmixer Allmers verabreichten Fusstritten gestorben war, sondern vergiftet wurde. Eigenartigerweise führen alle Spuren ins Totengässlein …

 

Textauszug

Durch das Fenster, das Gerda zerschlagen hatte, kroch der Abend ins Zimmer. Er schlich über das dürftige Mobiliar, nistete sich fest in den Ecken und an den Wänden, hing schwer und drohend zwischen den Holzbalken der Decke. Der sinkende Tag schickte nur noch ein mattes Licht in den unheimlichen Raum. Es fiel auf den toten Mann, der mit schlaffen Gliedern, das gesenkte Gesicht verzerrt, am Fensterkreuz hing. Man hörte keinen Laut, nur von nebenan schrie der Papagei heiser «Danke schön». Gerda fuhr zusammen. Sie machte einige Schritte im Zimmer, um die lähmende Verzauberung, die über allem zu liegen schien, zu lösen. Ohne es zu merken, streifte sie mit ihrem Arm die Kurbel des Leierkastens. Ein paar gebrochene matte Töne kamen aus dem alten, verstaubten Instrument. Aber die Melodie, zu der die wenigen Klänge gehörten, kannte Gerda doch: «Ach, lieber Tod von Basel …». 

Brockhoff gegen Glauser: Aus dem Nachwort von Paul Ott 
«Zentral sind Brockhoffs Feststellungen am Anfang und am Schluss des Textes: ‹Ein Kriminalroman ist ein Spiel. Ein Spiel zwischen den einzelnen Figuren des Romans und ein Spiel zwischen Autor und Leser. [… Passen Sie gut auf, und wenn Sie merken, dass ich gegen die Spielregeln sündige, beschweren Sie sich bei mir.› 
Friedrich Glausers Antwort ist völlig frei von Ironie und wirkt ein bisschen humorlos, wenn er schreibt: ‹[...] vor einiger Zeit haben Sie vom Sinai der Zürcher Illustrierten herab zehn Gebote für den Kriminalroman erlassen [...].› Mit Bezug auf Simenon sagt er: ‹Nicht der Kriminalfall an sich, nicht die Entlarvung des Täters und die Lösung ist Hauptthema, sondern die Menschen und besonders die Atmosphäre, in der sie sich bewegen.› [...] Nun gibt es keinerlei Grund, jemanden vom Lesen von Friedrich Glauser abzuhalten. Mit der Neuauflage von Stefan Brockhoffs Musik im Totengäßlein haben wir jetzt auch die Möglichkeit, uns selbst ein Urteil zu bilden über ein Autorentrio, das vielleicht ein bisschen mondäner schreibt als Glauser, ein wenig städtischer auch, und das sein unterhaltsames Spiel mit dem Leser treibt.»

 

Pressestimmen

«Dieser Krimi stammt aus dem Jahr 1936 und ist eine echte literarische Entdeckung.» Wolfgang Bortlik, 20Minuten

Stefan Brockhoff

Lange war nicht geklärt, wer genau sich hinter dem Autor «Stefan Brockhoff» verbirgt. Nun kann dieses Pseudonym gelüftet werden. Es ist eines der frühen Autorenkollektive der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Beteiligt waren die drei berühmten Germanisten Dieter Cunz (1910–1969), Oskar Koplowitz (später Oskar Seidlin, 1911–1984) und Richard Plaut (später Richard René Plant, 1910–1998). Alle drei sind 1933/35 aus Deutschland emigriert und lebten bis 1938 in der Schweiz – in Basel und Lausanne –, bevor sie in die USA auswanderten. Die Schweiz wirkte als Katalysator für ihr gemeinsames Schreiben von Kriminalromanen. Nicht nur waren die drei Männer im Alltagsleben beinahe unzertrennlich, auch ihre Geschichten spielen hauptsächlich in der Schweiz, und sie haben nur hier zu dritt und nur hier Kriminalromane geschrieben.

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Jodocus Donatus Hubertus Temme

Der Studentenmord in ZĂĽrich

Criminalgeschichte

Herausgegeben von Paul Ott und Kurt Stadelmann

Schweizer Texte, Neue Folge, Band 23, 2006. 114 S. Nachdruck der Erstausgabe von 1872 Geb. CHF 32.00 / EUR 19.80 ISBN 978-3-0340-0768-9

Kurztext

«Am 4. November 1835 machte der Milchträger Heinrich Wydber von Unterbeinbach seinen gewohnten Weg über die Wallishofer Allmend durch das Spitalhölzli nach Zürich, um hier seine Milch zu verkaufen. Es war gegen sieben Uhr, als er durch das Spitalhölzli ging. (...) Am Fusse der Anhöhe, die er zur Fortsetzung seines Weges hinaufsteigen musste, sah er einen Mann auf dem Boden liegen, dicht neben dem Wege, nach dem Flusse hin. Er dachte, es sei ein Betrunkener, kümmerte sich daher nicht weiter um ihn und setzte seinen Weg fort.» 

So beginnt «Der Studentenmord in Zürich» von Jodocus Donatus Hubertus Temme, dem meistgelesenen Krimiautor seiner Zeit. Der vermeintlich Betrunkene ist in Wahrheit auf geheimnisvolle Weise ermordet worden und wird als ein deutscher Student namens Ludwig Lessing identifiziert. Ein politischer Mord? Lessing jedenfalls soll in regem Kontakt gestanden haben mit deutschen Flüchtlingen, die nach der gescheiterten Revolution von 1830 in die Schweiz emigriert waren. 
Temme selber verstand seinen «Studentenmord in Zürich» als Wiedergabe eines «Kriminalprozesses über einen politischen Mord, der noch immer in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt» sei. Der auf Tatsachen beruhende Fall wird akribisch nachgezeichnet, Lessings Lebensumstände skizziert und die letzten Lebenstage anhand von Gerichtsakten und Zeugenaussagen rekonstruiert. Das ergibt insgesamt mehr als bloss die literarisch verarbeitete Wiedergabe eines Kriminalprozesses: Der Studentenmord in Zürich zeichnet ein sorgsam gestaltetes Sittenbild der Schweiz aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 
Als literarisch verarbeitete Gerichtsberichterstattung zählt der «Studentenmord in Zürich» zu den Vorläufern des modernen Kriminalromans, der mehr bietet als das blosse Lösen eines detektivischen Rätsels à la Poe oder Conan Doyle.

 

Jodocus Donatus Hubertus Temme

war Richter und Abgeordneter in Deutschland, bevor er im Zuge der 48er Revolution zweimal verhaftet und aus dem Staatsdienst entlassen wurde. 1852 übersiedelte Temme mit seiner Familie nach Zürich ins Exil, wo er 1853 eine Professur an der Staatswissenschaftlichen Fakultät erhielt. Finanzielle Engpässe zwangen ihn als «Taglöhner der Feder» seinen Lebensunterhalt aufzubessern. So veröffentlichte er neben seinen juristischen Publikationen über 60 meist mehrbändige Romane, Erzählungen und Novellen, in denen authentische Fälle teilweise zu Kriminalromanen verarbeitet werden. 
Temme avancierte zu einem der meistgelesenen Krimiautoren seiner Zeit und nutzte seine Popularität für harsche Kritik an undemokratischen Staatsorganen und Rechtssystemen.