Literatur

Paul Ott

Paul Lascaux

Ab Mitte Juli 2009 in jeder Buchhandlung!

ISBN: 978-3-8392-1011-6

227 Seiten, Euro 9.90 - SFr. 17.90

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Stille Wasser Im idyllischen Justistal im Berner Oberland prallen GegensĂ€tze aufeinander: Die Eidgenössischen Kraftwerke planen dort den grĂ¶ĂŸten Stausee der Schweiz, ein einflussreicher Dorfbewohner möchte an gleicher Stelle einen riesigen, voralpinen Fun-Park errichten. Dann werden innerhalb kurzer Zeit die Verantwortlichen beider Projekte auf grausame Weise ermordet.

Die Berner Polizei steht zunĂ€chst vor einem RĂ€tsel, ebenso wie das agile Detektivduo Heinrich MĂŒller und Nicole Himmel. Doch dann kommen die Ermittlungen ins Rollen: MĂŒller & Co stoßen auf geheimnisvolle MilitĂ€rgebirgsfestungen aus dem Zweiten Weltkrieg, degustieren Wasser und Eau de Vie und begegnen Alpenbewohnern, die mehr wissen, als sie zugeben wollen ...


 

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So beginnt der Roman:

Samstag, 23. August 2008

Die Überraschung war gelungen, der Skandal
perfekt, Pressenotizen in der ganzen Schweiz
und Titelaufmacher in den Berner Medien waren
garantiert. Sogar im angrenzenden Ausland wurde
man auf die Eröffnungsparty von Bauch & Kopf, der
neuen Heimat der Detektei MĂŒller & Himmel, aufmerksam.
Jede Menge Gratiswerbung und massenhaft
Laufkundschaft, die den Ort des Geschehens
in Augenschein nehmen wollte. Selten wurde ein
GeschÀft derart furios lanciert.
Und das kam so: Das Haus, von dem hier die
Rede ist, wurde dem Detektiv Heinrich MĂŒller
von seiner Auftraggeberin, einer Versicherung, aus
Begeisterung ĂŒber die elegante Lösung der letzten
beiden grĂ¶ĂŸeren FĂ€lle zu einem Freundschaftspreis
zur VerfĂŒgung gestellt. Heinrich MĂŒller erfĂŒllte sich
seinen sehnlichsten Wunsch: Ins Erdgeschoss kam
Bauch & Kopf, eine kleine Bar mit Weinverkauf, einer
Galerie und einer auf Kriminalromane spezialisierten
Buchhandlung, gefĂŒhrt von Leonie Kaltenrieder, der
neuen Freundin des Detektivs. Ihre Wohnung lag im
ersten Stock. Die Etage darĂŒber war reserviert fĂŒr
â€čHeinrich MĂŒller, je nach Seelenzustand auch Henry
Miller genannt, und seinen elfjÀhrigen Kater Baron
Biber. Im Dachgeschoss lebte Nicole Himmel, in
ungestĂŒmen Momenten Lucy gerufen, die zweite
HĂ€lfte der Detektei MĂŒller & Himmel.
Die Umbauarbeiten waren noch nicht vollstÀndig
abgeschlossen, aber man hatte allen Freunden und
Bekannten eine großartige Eröffnungsfeier versprochen.
Und Versprechen waren dazu da, eingehalten
zu werden. Also bestellte Henry das stÀrkste
Sound-System, das sich in Bern auftreiben ließ, und
fĂŒllte damit die Pergola, die sich vor dem fingernagelförmigen
GebÀude gegen den Breitenrainplatz
hin öffnete. Er testete die Anlage bereits den ganzen
Nachmittag mit Hubert von Goisern und den Alpinkatzen,
österreichischem Voralpenblues mit Ziehharmonika.
»Auf da Wiesen liegt a frischer Schnee«, sang
Hubert gerade, und die Einkaufstaschenbepackten
aus den nahe gelegenen SupermÀrkten Migros und
COOP hielten einen Augenblick inne fĂŒr den
â€șKokain-Bluesâ€č, die deutschsprachige Gebirgsvariante
von â€șCocaine in My Brainâ€č.
Die Stimmung war also schon ganz schön
aufgeheizt, als im Verlauf des spÀteren Nach-
mittags die GĂ€ste eintrafen, begleitet von einem
zunehmend dĂŒsteren Himmel. Tagesgangwetter,
Gewitterwolken, Wetterleuchten, fernes Donnergrollen.
Doch die Leute begaben sich nur kurz ins
Innere des Lokals, um am Ausschank GetrÀnke zu
besorgen. Dann sammelten sie sich zuerst am Rand
des Breitenrainplatzes, bald aber auch mittendrin,
sodass gerade dem Tram eine knappe Durchfahrt
blieb.
Sie waren nun alle da: Störfahnder Bernhard
Spring mit seiner Crew, Louise Wyss und viele
ihrer Model-Kolleginnen, die als erste Handlung im
Bauch & Kopf einen von allen signierten Bauernkalender
aufhĂ€ngten. F. K. Swiss und seine KĂŒnstlerkollegen
hatten sich von ihrer Wurstparty erholt und
waren ausnahmsweise pĂŒnktlich, die neuen Nachbarn
stĂŒrzten sich auf die Spezial-KalbsbratwĂŒrste
vom Grill, die mit Pinienkernen und orientalischen
GewĂŒrzen nach einem jahrhundertealten Rezept
von der Metzgerei Trauber fĂŒr diesen Anlass hergestellt
worden waren. Louise meinte sogar ein paar
EinzelgÀnger auszumachen, die bestimmt die Single-
Agentur Happy Future geschickt hatte.
Als die Ausmaße des Aufmarsches langsam
klar wurden, reagierte am schnellsten die BĂ€ckerei
Bohnenblust, wo sich Blues- und Rockmusiker, ein
Olympiasieger und Weltmeister sowie ein Krimiautor
die Klinke in die Hand gaben. Andreas Bohnenblust
stellte das Zelt, das an der Euro 08-Fanmeile beim
Vorbeizug von Zehntausenden von Oranje-Fans gute
Dienste geleistet hatte, auf die Straße, verlĂ€ngerte die
PrĂ€senzzeit des Personals, ließ Brote streichen und
mit Schinken, Salami und KĂ€se belegen, holte im Thai-
Shop weiter vorne eigenhÀndig ein paar Kisten Singha-
Bier und verpflegte die ZaungĂ€ste des furchteinflĂ¶ĂŸenden
Geschehens.
Denn Henry Miller hatte den ObjektverbrennungskĂŒnstler
CĂ€sar Schauinsland damit
beauftragt, eine Skulptur zum Abfackeln bereitzustellen.
Er hatte jedoch das Wahnsinnspotenzial
des Bildhauers deutlich unterschÀtzt. Denn vom
GelÀnde der Kaserne her schob sich durch die vorsorglich
von parkierten Autos befreite Straße ein
HolzungetĂŒm von biblischen Ausmaßen. Es hatte
die GrĂ¶ĂŸe der Arche Noah und das Aussehen des
Trojanischen Pferdes und reichte bis in den dritten
Stock der angrenzenden HĂ€user hinauf. Der
Vorbeizug ging den Zuschauern zu langsam vonstatten,
denn Henry und alle Festbesucher quÀlte
die Ungeduld. Außerdem konnte jederzeit ein
Gewitter losbrechen, und man wollte ja die Figur,
die bestimmt mit entzĂŒndbarem Material gefĂŒllt
war, brennen sehen, bevor der Regen die Flammen
löschen konnte.
Auf der Höhe von Bauch & Kopf entstiegen den
NĂŒstern des Monsters die ersten drachenĂ€hnlichen
FeuerstĂ¶ĂŸe. Dann stockte die VorwĂ€rtsbewegung,
und im Bauch öffnete sich eine FalltĂŒr. Aber es entstiegen
dem Pferd keine mordgeilen Krieger unter
dem AnfĂŒhrer Brad Pitt, sondern die MonatsmĂ€dchen
des Bauernkalenders, die sich davongeschlichen, in
abenteuerliche KostĂŒme geworfen hatten und nun
eine Karnevalsstimmung verbreiteten, die fĂŒr eine
karibische Insel gereicht hÀtte.
Die einen empfanden dies als geniale Selbstdarstellung
eines megalomanischen KĂŒnstlers, die
andern als Blasphemie angesichts des nicht weit
zurĂŒckliegenden Todes der Wurstkönigin*. So oder
so, die Leute genossen das Spektakel, und als sich das
Pferd in einer ungestĂŒmen VorwĂ€rtsbewegung nach
dem Ausstieg des letzten Models aus der Arretierung
löste und sich sein Hals in den Stromleitungen des
Trams verfing, war fĂŒr Schlagzeilen gesorgt. Denn
das Manöver legte das gesamte Innenstadtnetz von
BernMobil lahm.
Gnadenlos setzte CĂ€sar Schauinsland seine
Inszenierung fort und steckte das Objekt in Vollbrand,
sodass selbst die Feuerwehr zu spÀt kam,
obwohl sie nur wenige Straßen entfernt ihr Hauptquartier
hatte. Mit dem Holzpferd, das zum GlĂŒck
* Siehe Paul Lascaux: â€șWursthimmelâ€č
fĂŒr Bauch & Kopf nach links kippte, fing schließlich
auch das TramhÀuschen Feuer und brannte samt
Kiosk und WC-Anlage bis auf den Grund nieder.
Nun bestanden zwar seit mehreren Jahren PlÀne
zur Neugestaltung des ganzen Breitenrainplatzes.
Auch der Migros-Markt auf der anderen Seite wollte
einen Erweiterungsbau
errichten. Aber mit einer derart
radikalen Lösung hatten die stÀdtischen Behörden
nicht gerechnet.
Im Quartier selber bejubelten nicht nur die
Models, KĂŒnstler, Cervelatpromis und die anderen
GÀste der Eröffnungsparty das Geschehen, auch
die Bevölkerung aus den umliegenden Straßen
strömte zusammen, wunderte und freute sich ĂŒber
das ĂŒberraschend Gebotene und sprach krĂ€ftig den
GetrÀnken zu, jedenfalls so lange, bis auch die letzte
Flasche geleert war.
Dass man spÀter auf einem Foto die junge Frau,
die CĂ€sar Schauinsland rittlings auf den Schultern
saß und dem Feuer zujubelte, als Pascale Meyer,
Polizistin aus Bernhard Springs Team, identifizierte,
trug wenig zum Ruf der neu formierten Police Bern
bei.
FĂŒr ein einziges Mal standen sie also in den Augen
der unbeteiligten Öffentlichkeit alle auf der gleichen
Seite: haltlose Festbesucher, gelegenheitssaufende
Quartierbevölkerung, verantwortungslose KĂŒnstler
und eine desorientierte Polizeitruppe, deren Chef
nichts dafĂŒr tat, seine Untergebenen zurĂŒckzuhalten.
Die hinter allem steckende Detektei MĂŒller &
Himmel erreichte mindestens schweizweite BerĂŒhmtheit.
CĂ€sar Schauinsland war gut versichert und
frisch verliebt. Die KĂŒnstler begannen gleich mit der
Planung einer nÀchsten spektakulÀren Aktion. Der
Breitenrainplatz bekam ein neues TramhÀuschen,
eine florierende Bar mit Buchhandlung, einige
unfreiwillige Lokalpromis, die in den nÀchsten
Monaten die Klatschspalten fĂŒllten. Bern errang das
unverdiente Image einer lebensfrohen, verrĂŒckten
Stadt, was einen völlig ĂŒberraschenden Tourismusboom
auslöste, dessen Wertschöpfung letztlich den
entstandenen Schaden mehr als wettmachte.
BetrĂŒblich an der ganzen Sache war nur, dass
Kurt GrĂŒnig weiterhin verschollen blieb, sowie dass
Heinrich MĂŒller und Nicole Himmel mit der Vorbereitung
der Eröffnungsparty dermaßen beschĂ€ftigt
gewesen waren, dass ihnen die Zeit fĂŒr seriöse Sucharbeit
gefehlt hatte. Man wĂŒrde sich nach dem Verlauf
der Sache erkundigen mĂŒssen.
Heinrich, der in dieser Nacht keinen Schlaf fand,
erinnerte sich an den Besuch von Alice GrĂŒnig, der
Tochter des Verschwundenen: ein hĂŒbsches MĂ€dchen,
schwarze Stirnfransen, Ponyschwanz, vertrÀumte
Augen, ein besorgter Schmollmund und leichtes
Wangenrouge, das frĂŒher den Berner BauernmĂ€dchen
so gut gestanden hatte, wenn die KiltgÀnger
auf Brautschau waren.
Mit einem ungebÀndigten Satz sprang Baron Biber,
der sich vor dem LĂ€rm ins Katzenklo geflĂŒchtet hatte,
auf Heinrichs Beine und schlug die Krallen in seinen
Bauch, wie um zu beweisen, wozu Fettgewebe gut
sein konnte. Der Detektiv strich seinem Kater ĂŒber
das Seidenglanzfell und schaute in die immer noch
verÀngstigten Augen, seufzte, versprach Unsinniges,
und nahm dann das Dossier zur Hand, das ihm Alice
GrĂŒnig vor drei Wochen in der noch nicht fertig
gestellten Pergola gegeben hatte: »Wasserwirtschaft
im Kanton Bern« stand auf dem Umschlag,
ein knochentrockenes Statistikthema, das erst auf
ein paar mit Leuchtstift markierten Seiten gegen
Schluss interessant wurde. Aber da war Heinrich
MĂŒller bereits in seinen Sessel gesunken und in einen
tiefen Schlaf gefallen, wÀhrend Baron Biber beruhigt
seine Pfoten leckte.

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