Paul Lascaux

 

Europa stirbt

Kriminelle Geschichten

 

 

 

 

 

 

 

 

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Verlag der Criminale

 

 

 

 Erste Geschichte

 

 

Madeira: Alter Wein in neuen Schläuchen

 

Ich sass in einer kleinen Bar gegenüber der Wallfahrtskirche von São Vicente auf Madeira. Draussen wechselte sich die Sonne mit vorbeiziehenden Wolken ab. Ich blickte auf die Palmen, die am selben Stamm Früchte in allen Reifegraden trugen. Hinter dem Tresen hantierte eine junge Frau mit langen, zusammengebundenen schwarzen Haaren, bereitete Toasts zu, zapfte Bier und bediente die Kaffeemaschine, während sie ab und zu in einem Spiegel, vor dem drei Dutzend verschiedene Schnapsflaschen standen, ihre Kundschaft beobachtete.

Ich war hierher geflüchtet vor dem heulenden Wind, der sich an den steilen Felsflanken brach, den Staub über Hunderte von Metern mit sich fort wirbelte und einen das Salz noch weit entfernt vom Meer auf den Lippen schmecken liess. Das kleine Dorf blieb verschont, geschützt von einem Felsrücken, geschickt in eine Lücke gebaut, die es vor dem schlimmsten bewahrte. Denn es gibt nichts Beunruhigenderes als das unablässige Stöhnen des Windes und die Brandung, die an das steinige Ufer schlägt. Sie lösten in mir unerwünschte Erinnerungen aus, die ich lieber für immer verdrängt hätte.

In einem zweiten Spiegel neben der Tür beobachtete ich die Frau an der Bar, wie sie mich in ihrem Spiegel anschaute. Konnte sie meinem Gesicht ansehen, welche Strapazen ich durchgemacht hatte? Sie trug einen kaum wahrnehmbaren Oberlippenbart, der ihr Gesicht verdüsterte. Aus ihren Augen flammte ein fordernder Blick, in dem ich aber keine Unruhe erkennen konnte. Besser so. Besser auch, dass wir nicht über dieselbe Sprache verfügten, sonst hätte ich ihr in diesem Moment alles erzählen müssen.

Aber es war nicht so einfach, wie es im ersten Augenblick schien. Es wäre leichter gewesen, ich hätte vorher erzählen können, wie alles ablaufen sollte.

Ich war mit meinem Freund Beat in Urlaub gefahren, zwei Männer eine Woche auf Rundreise mit einem Mietwagen und organisierten Übernachtungen. Entspannung vom Stress zu Hause war angesagt. Kurz zuvor hatte ich mit Andrea Schluss gemacht, oder besser gesagt, sie hatte mir am Telefon mitgeteilt, sie wolle mich nicht mehr sehen. Also sollte es auch eine Reise des Vergessens werden.

Ich will hier nicht die ganzen Erlebnisse erzählen, die Fahrten über kurvenreiche Strassen und die kurzen Wanderungen entlang der Levadas, der Wasserrinnen, die aus dem Gebirge herunter geführt werden, um die steilen Terrassenfelder zu bewässern. Hauptsächlich kümmerten wir uns nämlich ums Essen und um den Wein.

Wir versuchten die verschiedenen Angebote, die das Meer bereit hielt, gebratenen Thon, gekochten Stockfisch mit einer Konsistenz von Kaugummi und vor allem Espada. Dieser schwarze Fisch, eine Mischung zwischen Aal und Muräne, wird aus über achthundert Metern Tiefe heraufgeholt und ist wegen des gewaltigen Druckunterschieds bereits tot, wenn man ihn aus dem Wasser zieht. Vielleicht verliert er bei dieser Prozedur auch seine Farbe, man weiss es nicht genau, niemand hat je ein lebendes Exemplar gesehen. Dann ziehen ihm die Fischer die messerscharfen Zähne, rollen den Schwanz auf und stecken ihn ins Maul, so dass man schliesslich ein Fischrad mit nach Hause nimmt. Aber das haben wir bloss beobachtet, im Restaurant bekamen wir ein zartes Filetstück vorgesetzt.

Der dazu passende Wein kam vom Festland, fast ausschliesslich aus Portugal, Vinho Verde oder Vinho Branco aus den verschiedenen Regionen. Nur einmal gelang es uns, eine Karaffe einheimischen Rotweins zu bekommen. Er wurde uns zu einem Lorbeerspiess mit Rindfleischstücken gereicht, ein würziges, vollmundiges Getränk mit leichtem Pfeffergeschmack, trotz seiner Jugendlichkeit mit einem Alterston, der den gespriteten Madeira erahnen liess. Dieser Wein darf übrigens bei grosser Wärme altern, die Fässer stehen in den so genannten "Kellereien" stapelweise in hohen Räumen hinter sonnenbeschienenen Fensterfronten. Die besten Provenienzen werden erst in Flaschen gefüllt, wenn sie volljährig sind, also mit mindestens zwanzig Jahren. Aber man kann auch einzelne Gewächse kaufen, die über hundertjährig sind, auch wenn die natürlich ihren Preis haben.

Ich schweife ab. Es ist eben leichter, über das Essen und Trinken zu sprechen als über das, was später passierte. Wir erstanden also einen dreissigjährigen Wein aus dem Jahr 1968, mit dem wir unsere revolutionäre Jugend begiessen wollten, auch wenn wir damals eigentlich noch zu jung gewesen waren, um aktiv teilzunehmen. Aber was kümmert einen schon, wer bei einer vergangenen Revolution dabei war, wenn man heute die spärlichen Überbleibsel davon mit einem Wein von einer Insel feiern kann, die mit 68 bestimmt nichts zu tun hatte.

Wir becherten also fröhlich und erzählten einander Geschichten. Von den Erinnerungen an den Aufruhr der Jugend schweiften wir zu amourösen Abenteuern. Beat redete sich in einen richtigen Eifer hinein und erzählte mir auch von seiner jüngsten Freundin, die eine phantastische Bettgefährtin sein musste.

Eigentlich hätte ich da schon merken müssen, dass wir zu weit gegangen waren. Verflossene Abenteuer erzählen und dabei ein bisschen übertreiben, war schon recht. Aber über das aktuelle Liebesleben wusste man besser nicht Bescheid. Ich war im leichten Rausch dennoch nicht zu blöd, nach dem Namen von Beats Eroberung zu fragen.

Er verstummte und wurde sich seines Fehlers bewusst. Aber er konnte nicht lügen.

 

Hätte er es doch getan! Hätte er mir irgendeinen Namen genannt, Irene, Susanne, ja sogar Beate hätte ich ihm abgenommen! Aber als Freund glaubte er, ehrlich sein zu müssen, und als er "Andrea" sagte, senkte er schuldbewusst die Augen. Und selbst wenn ich es schon ahnte, gab es mir einen Stich ins Herz. Andrea. Ausgerechnet!

Der Abend war gelaufen. Wir liessen den Madeira stehen. Ich drehte noch eine Runde ums Hotel, während Beat sich für die Nacht bereit machte. Und ich wusste, ich würde ihn umbringen. Das ist so schnell gedacht und leicht gesagt, aber ich wusste nicht, wie es ablaufen sollte.

Ich schlief schlecht in dieser Nacht. Der Wind rüttelte unablässig am Fenster, Beat wälzte sich ebenfalls unruhig im Bett. Am Morgen spürte ich einen unangenehmen Druck im Magen und hatte noch immer keine Ahnung, was geschehen sollte.

"Vielleicht wäre es besser, wenn wir uns für die letzten beiden Tage trennen würden", meinte Beat. "Du kannst das Auto haben und das Zimmer, ich nehme ein Taxi und quartiere mich irgendwo anders ein. Nur das Flugticket möchte ich mitnehmen."

Nun blieb nicht mehr viel Zeit. Nach dem Frühstück verabschiedete er sich. Er liess sich zu den terrassierten Steilhängen fahren, um die höchstgelegenen Weinberge im Süden der Insel zu besichtigen. So viel sagte er mir noch, damit wir nicht gleichzeitig am selben Ort wären. Über seine weiteren Pläne liess er mich im Ungewissen.

 

Am Nachmittag kam der Taxifahrer mit der Polizei zu mir ins Hotel. Ich wusste bereits, was sie mir berichten würden. Ich hatte in der Erwartung ihrer Ankunft auf dem Zimmer ausgeharrt, ein Magenleiden vortäuschend, was mir in meinem Zustand nicht schwer fiel. Dennoch gab ich mir alle Mühe, die erwartete Erschütterung über den Tod meines Freundes zu zeigen.

Man wollte wissen, warum er das Hotel verlassen habe und alleine weitergefahren sei. Ohne Gefahr für mich konnte ich erklären, er habe eine Frau aus der Schweiz kennengelernt, der er nun nachfahren wollte, um im selben Hotel zu nächtigen wie sie. Dass er diese Geschichte dem unbekannten Taxifahrer nicht erzählt hatte, war einsichtig.

Schliesslich erkundigte ich mich danach, was denn eigentlich geschehen sei. Ein Polizist erklärte mir, Beat sei wohl auf den steilen Terrassen auf eine Glasscherbe getreten, jedenfalls habe man eine gefunden, die seine Schuhsohle durchdrungen habe. Der Taxifahrer habe einen kurzen Schmerzensschrei gehört und dann gesehen, wie Beat auf einem Bein das Gleichgewicht verloren habe und in die Tiefe gestürzt sei. Erst mehrere Terrassen weiter unten habe man ihn nach gefährlichem Klettern bergen können. Er sei vermutlich sofort tot gewesen. Ob ich die Aufgabe übernehmen würde, seine Verwandten in der Schweiz zu benachrichtigen? Der offizielle Rapport gehe später direkt zur dortigen Polizei.

Natürlich wusste niemand, dass Beat die Angewohnheit hatte, seine Turnschuhe erst dann anzuziehen, wenn er einen Fussmarsch begann. Sonst hätte er den Splitter, den ich ihm in die Schuhsohle hinein geschoben hatte, schon früher bemerkt. Ich vermute, dass das Glas nach dem sechsten oder siebten Schritt durch die Belastung in den Fuss gedrückt worden ist.

Eine alte Flasche Wein kann eben doch für mehr Überraschungen gut sein, als man nach dem ersten Schluck vermuten würde.

Ich griff zum Telefon. Als erste rief ich Andrea an.