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Paul Ott

Paul Lascaux

 

 

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(italienisch/rätoromanisch) 

Sunil Mann/Nicole Bachmann/Dominik Bernet/ZĂĽrcher Krimipreis

20. 4. 2011

„Fangschuss“ (2010), der Erstling von Sunil Mann, überrascht mit dem indischstämmigen Detektiv Vijay Kumar, der in Zürich eine neue Detektei aufbaut. Eine verschwundene Katze findet sich leicht, aber bis ein verschwundener Junge wieder auftaucht, braucht es mehr als einen Schluck Amrut, indischen Whisky, den Kumar jeweils bei seiner Mutter abholt, ein Anker in seinem Privatleben, das im Verlauf der Handlung ziemlich durcheinander gerät. Verschiedene Stricke verbinden sich schliesslich zu einem festen Seil, als der Detektiv eine monströse Gesellschaft namens „Geheimbund der Diana“ und ihre üblen Machenschaften aufdeckt. Dabei gibt es amüsante Einblicke in das Selbstverständnis indischer Mütter sowie einfallsreiche Sprachbilder: „Ihre Hände flatterten durch die Luft wie betrunkene Nachtfalter.“

Sunil Mann erhielt fĂĽr diesen Roman den ZĂĽrcher Krimipreis 2010.

 

Linus Reichlin gewann mit „Die Sehnsucht der Atome“ (2008) den Deutschen Krimipreis 2009.

 

In „Doppelblind“ (2008) lässt Nicole Bachmann die Epidemiologin Lou(isa) Beck ihren ersten Fall lösen. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berner Privatspitals Walmont stösst bei der Patientenanalyse auf eine erhöhte Sterblichkeitsrate und versucht, deren Ursachen herauszufinden, mit für alle überraschendem Resultat. Neben der akribischen Darstellung der Realität in einer Spitalverwaltung wagt die Autorin Exkurse in die privaten Beziehungen der Protagonistin, gewürzt mit viel Lokalkolorit. Manchmal unterliegt dieses eher dem Hang nach Exotik (z. B. Treffen mit einer Zeugin auf dem Münsterturm) als der Notwendigkeit für den Plot.

Nicole Bachmann reiht sich damit ein ins Genre des Spitalkrimis, das auch schon gepflegt haben:

- Felix Mettler: Der Keiler

- Paul Wittwer: Eiger, Mord uns Jungfrau

- Gerlinde Michel: Alarm in ZĂĽrichs Stadtspital (immerhin Gewinnerin des ersten ZĂĽrcher Krimipreises 2008)

 

ZĂĽrcher Krimipreis (www.krimipreis.ch)

2008 Gerlinde Michel: Alarm in ZĂĽrichs Stadtspital

2009 Petra Ivanov: Stille LĂĽgen

2010 Sunil Mann: Fangschuss

 

Dominik Bernet: Marmorera (2006)

Die Verfilmung von „Marmorera“ (2007, Regie: Markus Fischer, Drehbuch: Dominik Bernet und Markus Fischer) wartet mit suggestiven, kraftvollen Bildern auf, bleibt aber nicht frei von Klischees. Die modernisierte Sage, die das Fluten des Dorfes Marmorera in einem Stausee wieder aufnimmt, erzählt eine Reihe von Unfällen, die durch Strom herbeigeführt worden sind und im Zusammenhang mit einer mystischen Frau stehen, die vor 50 Jahren ins Wasser gegangen und nie gefunden worden ist. Der Nachteil dieser Konstruktion ist ihre Voraussehbarkeit, der Vorteil die Integration von Geschichte und Geschichten in die Gegenwart gepaart mit ausdrucksvollen Charakteren aus dem Gebirge.

Aktuell 2007
Einige Deutschschweizer Autorinnen und Autoren arbeiten in den letzten Jahren auch in nationalen oder internationalen Kooperationen. Sie beteiligen sich an Stafettenkrimis oder thematisch vorgegebenen Romanprojekten, z. B. Peter Zeindler bei HOTEL TERMINUS (2005). Der Stafettenkrimi der letztjährigen Glauser-Jury, FRÜHSTÜCK DER TOTEN SEELEN, erscheint auf Deutsch in der Kalender-Anthologie ART IN CRIME (2006) und auf Englisch im „Ellery Queen’s Mystery Magazine“ (2006), mitbeteiligt: Paul Lascaux. 2007 erschien Paul Ott (Hg.): BODENSEE-BLUES, ein Stafettenkrimi mit Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (Paul Lascaux, Jutta Motz, Stephan Pörtner, Mitra Devi, Peter Höner).

Die „Mordstage 2007“ wurden in Herbst 2007 als erstes gesamtschweizerisches literarisches Festival in allen vier Landessprachen und –teilen durchgeführt, wiederum verbunden mit einer – ebenfalls viersprachigen – Anthologie (Paul Ott (Hg.): TATORTSCHWEIZ 2.

Die „Mordstage 2009“ gingen in der grenzübergreifenden Kooperation der „Criminale Singen-Schaffhausen“ auf, zu der die beiden Anthologien mit demselben Titel erschienen: „Gefährliche Nachbarn“, die eine für die Schweizer Seite (Hg. Paul Ott), die andere für das Hegau (Hg. Barbara Grieshaber/Sigmund Kopitzki).

Die „Mordstage 2011“ gruppierten einige Ortschaften rundum das Jahrestreffen der Internationalen Krimiautor/innen AIEP/IACW in Zürich (Mai/Juni 2011), ergänzt mit einer Anthologie, an der Schweizer und internationale Autor/innen mit Texten, die in der Schweiz spielen, beteiligt waren – Paul Ott (Hg.): „Zürich, Ausfahrt Mord“.

Für 2013 ist die „Criminale Bern-Solothunr-Thun-Burgdorf“ in Planung, zu der ebenfalls eine Anthologie erscheinen wird – Paul Ott/Sabina Altermatt (Hg.): „Berner Blut“.

 

Michael Theurillat: RĂĽtlischwur

Eine erfreuliche Überraschung war 2012 die Verleihung des Glauser-Preises für den besten Kriminalroman an Michael Theurillat für Rütlischwur (2011). Der Autor schöpft aus dem Vollen, indem er seine ganze Erfahrung als ehemaliger Banker in den Roman einbringt. Kommissar Eschenbach wird während eines längeren Urlaubs in Kanada als Jurist in der Privatbank Duprey angeheuert, wo er im Auftrag des Besitzers Jakob Banz interne Ermittlungen anstellen soll, denn sein eigener Vorgänger ist verschwunden, und es besteht der Verdacht, er habe Bankdaten mitgehen lassen. Die geheimnisvolle Judith, Banz’ Assistentin, mischt auf allen Ebenen mit und ermöglicht eine Verbindung nach Irland, wo ein ehemaliger Oberst der Schweizer Geheimarmee residiert und mehr Fäden in der Hand hat, als Eschenbach bewusst ist. Diese Verknüpfung von aktueller Bankenkriminalität und undurchsichtiger Geheimdienstaktivität macht den Reiz des spannend erzählten Werks aus.

 


 

Martin Suter/Severin Schwendener/Mitra Devi

Martin Suter erzählt in DER TEUFEL VON MAILAND (2006) aus der weiblichen Perspektive von Sonia, die von ihrem Mann misshandelt worden ist und sich deshalb von ihm getrennt hat. Sie nimmt ihr Leben wieder in die eigenen Hände. Nach einem LSD-Trip wird sie zur „Synästhetikerin“: „Die Wahrnehmungen verknüpfen sich. Geräusche bekommen Farben oder Formen. Berührungen duften oder schmecken.“ Sonia findet zu ihrem erlernten Beruf als Physiotherapeutin zurück und geht für eine Saisonstelle ins Wellnesshotel Gamander ins Unterengadiner Val Grisch, wo sich „unheimliche“ Ereignisse abspielen, die Parallelen zur Sage des Teufels von Mailand aufweisen. Eingebettet wird das Ganze ins Spannungsfeld zwischen dem Bergdorf und dem Hotel, zwischen alpinen Naturgewalten und der Schweinwelt modischer Accessoires, zwischen Liebe und Hass. Letztlich ist die mystische Welt eine vorgetäuschte, und ein spektakulärer Showdown bringt Ordnung ins Leben von Sonia. Martin Suter hat 2007 für den TEUFEL VON MAILAND den Glauser für den besten Kriminalroman des Jahres erhalten.

Severin Schwendener fügt in FALSCHE FREUNDE (2006) den Thurgau, insbesondere die Gegend um Frauenfeld, in die Schweizer Krimilandschaft ein. Kommissar Jürg Günters liegen zwei ungelöste Fälle vor, die sich im Verlauf der Handlung zu einem einzigen komplexen Fall von Wirtschaftskriminalität, Verschwörung und Mord verdichten. Es ist ein Polizeikrimi mit Thrillerqualitäten und einem fulminanten Ende, das die Welt der Romanfiguren auf den Kopf stellt.

Mitra Devi lässt in STUMME SCHULD (2008) zum ersten Mal die Detektivin Nora Tabani und ihren Assistenten Jan in Zürich ermitteln, wobei sie als ehemalige Polizeibeamtin die Kontakte zu ihrem Ex-Kollegen Mike Salzmann nutzt. Die stumme Sophia Maar gibt sich als Mörderin ihres Mannes Stephan aus, der aber nicht am Ort seines Todes, sondern in einer Kiesgrube gefunden wird. Die Ermittlungen führen ins Schwulenmilieu, zum Stiefvater des Opfers, Kurt Maar, einem bekannten Rechtsaussenpolitiker, mäandrieren durch die Stadt und die persönlichen Beziehungen des Opfers und werden verknüpft mit einer dramatischen Geschichte aus der Kindheit der stummen Frau.

Ludwig Marxer/Ernst Solèr
Vom bisher einzigen bekannten Liechtensteiner Krimiautor Ludwig Marxer (1962-2006) erscheinen nach dem Roman DIE SCHWESTER (2002) in diesem Jahr zehn Kurzgeschichten unter dem Titel TÖDLICHES DREIECK. Die Erzählungen aus dem Nachlass beleuchten die kriminellen Verwirrungen des Alltags. Die Geschichten kreisen um den Punkt, den alle guten Stories benennen: Was passiert, wenn ein Mensch an die Grenzen der Vernunft stösst? Ob das nun die übersteigerte Liebe zum Maserati ist, im Kinderzimmer „Ketschap“ herumliegt oder harmlose Nachbarinnen zu Gange sind: Ludwig Marxer ist der Chronist der alltäglichen Versuchung.

Ernst Solèr schreibt mit STAUB IM FEUER (2006) einen Polizeikrimi aus Zürich. Der Titel ist doppeldeutig, denn er verweist auf den Namen des Ich-Erzählers, Hauptmann der Kantonspolizei Fred Staub. Der fährt in einer S-Bahn durch einen Tunnel vom Goldküstenort Küsnacht in die Zürcher Innenstadt, als ein Brand ausbricht, der auf einen terroristischen Anschlag zurückzuführen ist. Die Abteilung „Besondere Verfahren“ richtet einen Krisenstab ein, der alsbald auf eine Erpressung reagieren muss. Nun überstürzen sich die Ereignisse, und nicht nur Staub ist involviert, sondern auch seine Familie wird in die Sache mit hineingezogen. Solèr hat viel stimmiges Lokalkolorit in den Text verwoben, kommt aber nicht umhin, die Ich-Perspektive ab und zu zu brechen, um Handlungsschauplätze zu beschreiben, die Staub nicht zugänglich sind.


Schicksalsdrama
Als Friedrich Ludwig Zacharias Werner am 21. August 1808 unterwegs zum Gemmipass zwischen Kandersteg und Leukerbad das „einer Mörderhöhle ähnliche“ Gasthaus Schwarenbach aufsuchte, wuchs die Idee zu einem Drama. An einem vierundzwanzigsten Februar vollzieht sich jeweils das traurige Schicksal der Wirtsfamilie, die auch im Winter in der armseligen Hütte ausharrt. An diesem Tag stirbt im Streit mit dem Wirt dessen jähzorniger Vater, am selben Datum bringt der Sohn im „Spiel“ sein zweijähriges Schwesterchen um und wird verstossen. An einem ebensolchen Tag kehrt der totgeglaubte Sohn als reicher Mann unerkannt aus Kriegsdiensten zu seinen Eltern zurück und wird vom Vater, dem der Schuldturm droht, in seiner Gier erdolcht. Erst im letzten Moment erkennt er seine Schuld. Das beinahe biblische Mörderdrama bekommt seinen Reiz durch die Abgeschiedenheit des Handlungsorts und durch die Ausweglosigkeit der Schuld, in die die Menschen verstrickt sind. In der literarischen Gestaltung ist Werners Tragödie stilbildend für weitere Dramen und Prosatexte ähnlichen Zuschnitts. 1809 wurde DER VIERUNDZWANZIGSTE FEBRUAR geschrieben und in Coppet am Genfersee bei Madame de Staël erstmals aufgeführt, 1815 dann publiziert. Werner meinte dazu: „Übrigens darf ich zur Steuer der Wahrheit, hinzufügen, dass, den Titel und wesentlichsten Umstand meiner Tragödie ausgenommen, die Katastrophe derselben gottlob erdichtet, und muss ich auch, um den unschuldigen Ort (wo ich sie, das zu ihr sehr passenden und von mir treu geschilderten Lokals wegen, vorgehen lasse) nicht zu verleumden, bemerken, dass sie dorthin von mir nur versetzt ist.“

Lukas Bärfuss’ Novelle DIE TOTEN MÄNNER (2002) ist ein weiterer Grenzfall, der sich auf der einen Seite auf die novellistische Tradition des Wendepunkts in einem Leben beruft, auf der andern Seite jedoch dem Schicksalsdrama nahe steht. Ein Buchhändler in einer Lebenskrise verbringt die Ferien mit seiner von ihm getrennten Ehefrau und ihrer gemeinsamen Tochter im Tessin. Dabei beobachtet er die Tochter, wie sie mit ihrem neuen Freund „zu Werke“ geht. Die Eifersucht des Vaters auf den Liebhaber seiner Tochter ist zwar ein eher schwaches Motiv, aber eine Bergwanderung der beiden besiegelt das Schicksal des Unverfrorenen: Er wird vom Buchhändler in die Tiefe gestürzt. Dieses beinahe perfekte Verbrechen kommt, da sich die Polizei nicht sehr für die genaueren Umstände interessiert, nur ans Licht, weil der Täter mit seinem Gewissen ins Reine kommen will und die Tat seiner zu ihm zurückgekehrten Frau gesteht. Oder ist es nur die letzte einer Reihe von psychischen Grausamkeiten?

Hansjörg Schneider: Hunkeler macht Sachen (2004)
„Peter Hunkeler, Kommissär des Kriminalkommissariats Basel, gewesener Familienvater, jetzt geschieden, trat aus der Tür der Wirtschaft Milchhüsli auf die Missionsstrasse hinaus.“ Wie immer bei Schneiders Hunkeler-Romanen weist der erste Satz zurück auf vergangene Katastrophen und voraus auf kommende. In HUNKELER MACHT SACHEN (2004) beherrscht die Angst um seine angeschlagene Gesundheit das Denken des alternden Kommissärs, der – als er an ein Bäumchen pinkelt – den ersten Toten findet: Bernhard Schirmer, genannt Hardy, vordergründig obdachloser Penner, in Wirklichkeit reicher Drogenkurier für die türkisch-albanische Mafia. Hunkeler verknüpft diesen Fall schnell mit dem der Barbara Amsler, einer ermordeten Prostituierten. Beiden Opfern ist das Ohrläppchen aufgeschlitzt und je ein wertvoller Ohrstecker gestohlen worden.
An Hunkelers Seite steht das Team der Basler Polizei: Detektivwachtmeister Madörin, Staatsanwalt Suter und Gerichtsarzt Dr. Ryhiner. Dazu kommen Polizisten aus Baselland und aus dem Elsass, für das Hunkeler eine unstillbare Sehnsucht hat.
Dann verschränken sich verschiedene Handlungsebenen. Hunkeler wird der Fall wegen persönlicher Befangenheit entzogen, er wird nach einigen plumpen Fehlern sogar vom Dienst suspendiert (und später wieder in Amt und Würden gesetzt, als sich herausstellt, dass Madörin nicht seine Qualitäten hat). Die Spur der albanisch-türkischen Drogenhändler führt in die Irre, auch wenn diese Mafia für einige verbrecherische Taten verantwortlich ist. Das Rotlichtmilieu und die Szene der Randständigen können auch aus der Liste der Verdächtigen gestrichen werden. Nach einem dritten (erfolglosen) Anschlag auf ein Roma-Mädchen tut sich eine neue Spur auf, die mit dem Hilfswerk „Kinder der Landstrasse“ zusammenhängt, das in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die Kinder der Jenischen den Eltern wegnahm und sie in Waisenhäuser und Heime steckte, um so die Sesshaftigkeit der „Fahrenden“ zu fördern. Der Schluss kann im mit dem „Glauser 2005“ für den besten deutschsprachigen Kriminalroman ausgezeichneten Buch nachgelesen werden.


Rätoromanische Krimis
Der rätoromanische Anteil an der Schweizer Krimilandschaft ist zwar von bescheidenem Umfang, beginnt jedoch bereits 1952 mit Reto Caratsch und IL COMMISSARI DA LA CRAVATTA VERDA. Sein Kommissar Battista Mus-chaun löst vordergründig banale Fälle, z. B. Schmuggel von Zucker, kümmert sich aber eher um die Veränderungen, die das Engadin und seine Gesellschaft erfassen, insbesondere durch die Ausbeutung der Wasserreserven für die Elektrizitätsgewinnung. Caratsch thematisiert auch den Zerfall der rätoromanischen Sprache und Kultur. „In der romanischen Literatur spiegeln sich seit ihrem Entstehen die Diskussion um die sprachlich-kulturelle Auseinandersetzung und die damit verbundenen Ideologien zur Sprach- und Kulturpflege.“ (Alle Zitate: Annetta Ganzoni, siehe unten)
Göri Klainguti führt 1988 den pensionierten Inspektor LINARD LUM mit sieben Kurzgeschichten in die Literatur ein (als einziger rätoromanischer Text übersetzt, und zwar auf Französisch). Bemerkenswert ist weniger der Inhalt, sondern die Art des Erzählens. Lum wehrt sich gegen alles, was der Autor ihm auferlegt, so entwickeln sich Dialoge zwischen Autor und Romanfigur und Anreden an die Leserinnen und Leser. Klainguti wehrt sich gegen die Erwartungshaltung „einer reinen, oft auch archaisierenden Literatursprache, die der Umgangssprache immer weniger entspricht und keinen Raum für expressive Register hat“. Im Klappentext der Westschweizer Ausgabe steht über den Autor Klainguti: „[...] touche-à-tout fantaisiste et inclassable, explore avec jouissance les libertés que donne l’écriture et se présente comme 'paysan biologique vivant dans une ferme en compagnie de treizes vaches et veaux, un taureau, neuf chevaux, deux cochons laineux, quinze chèvres, environ trente poules, un chien, un chat, un paon, des moineaux, des souris, des vers, des bactéries et beaucoup d’idées folles’.“
1993 erscheint Flurin Speschas FIEU E FLOMMA als erstes literarisches Werk in „Rumantsch grischun“, der 1982 geschaffenen Standardsprache, welche die fünf rätoromanischen Dialekte vereint (bei 40'000 Sprechern ein wohl notwendiges, aber nicht unumstrittenes Unterfangen). Die Heldin, Maria Angelica Coller-Daleu, verabschiedet sich von ihrem kleinbürgerlichen Leben in der Surselva und wählt eine Freiheit, die sie zuerst ins mondäne Oberengadin, dann nach Zürich, London, New York und Miami führt. Im Zuge einer Liebesgeschichte wird sie in kriminelle Handlungen verwickelt, wird Geheimagentin, entdeckt Verschwörungspläne des US-Geheimdiensts, der das friedliche Zusammenleben europäischer Staaten stören will, und kämpft gegen die Infiltration von Kokain in die bündnerische Gesellschaft, durch dessen Einfluss die romanische Sprache zum Verschwinden gebracht werden soll. „Hier wird die typische romanische Strategie, eigene Probleme nach aussen zu projizieren, auf ironische Weise dargestellt.“
Der vierte im Bunde ist Daniel Badraun, der neben den Kindergeschichten DETECTIVA E DETECTIV in nunmehr zwei Bänden den Pazifisten Claudio Mettler auf Spurensuche schickt: IN VISTA A BUDDHA (1996) besteht aus zwei Geschichten. In beiden steht Mettler zwischen zwei Welten, dem Bündnerland und Indien einer-, Nepal andererseits. In beiden Fällen merkt der Detektiv zu spät, dass er im Machtpoker von anderen nur eine Marionette ist. In 2022 U TÈ A MEZZANOT (2003) planen einige Schweizer Offiziere einen Staatsstreich mit Hilfe von manipulierten Computerchips, welche die Elektroversorgung lahm legen sollen. Im Oberengadin behilft man sich mit einer faschistoiden Bürgerwehr namens Lìa Naira (Schwarze Liga), die von einem St. Moritzer Unternehmer mit Waffen und Flugzeugen versorgt wird. In der Silvesternacht wird das üble Spiel in Gang gesetzt. Es kann aber von Claudio Mettler und seiner Mitstreiterin Carla Motta gestoppt werden, so dass das Engadin und das Bergell einer Katastrophe entgehen.Mit seiner Namensgebung (Caratsch, Lia Naira) stellt Badraun die traditionserhaltenden Akteure der romanischen Kultur in ein äusserst provokatives Umfeld.


Annetta Ganzoni, deren erst 2006 im QUARTO 21/22 auf Deutsch publiziertem Text BÜNDNERROMANISCHE KRIMINALGESCHICHTEN ALS GENRE DER KULTURPOLITISCHEN AUSEINANDERSETZUNG ich die meisten Informationen verdanke, kommt zum Schluss: „Die vier Autoren nehmen die Kriminalgeschichte als Gattung nicht wirklich ernst, sondern verwenden sie, um ihre sprachlichen, narrativen und ideologischen Spielereien unter die Leute zu bringen. Der Kriminalroman wird auf ironische Weise gebraucht, um einem kulturpolitischen Zweck zu dienen; die Erzählungen bringen auf provokative Weise neue Impulse in den sprachpolitischen Diskurs ihrer Zeit ein und führen durch groteske Überspitzung und Sprachmischungen aller Art die traditionelle sprachpflegerische Aufgabe der romanischen Literatur ad absurdum.“ (vorher nicht veröffentlicht; auf Italienisch: „ES IL RUMAUNTSCH FORSA ÜN CURTÈ DA FER LA BARBA...“ – L’IDENTITÀ ROMANCIA NEI GIALLI DELL’ULTIMO CINQUANTENNIO)

Comics
In den letzten fünfundzwanzig Jahren hat sich auch die künstlerische Form des Comics vermehrt der Themen der Kriminalliteratur angenommen. 1988 beginnt die Geschichte der zeichnerischen Umsetzung von Kriminalromanen in dieses Genre. Gleichzeitig erscheinen zwei Bearbeitungen von berühmten Romanvorlagen. Hannes Binder entwickelte sich zum Spezialisten für Friedrich Glauser, dessen Texte er nicht nur kongenial umsetzte (1988 erschien DER CHINESE), sondern den er selber zum Helden einer eigenen Erzählung machte (WACHTMEISTER STUDER IM TESSIN, 1996). Wachtmeister Studer ist eine stimmige Figur, die Zeichnungen beweisen eine feine Darstellung des Details und eine bedrückende Verwendung des Schwarz-Weiss-Kontrasts, was das Atmosphärische von Glausers Romanen überzeugend ins Bild übersetzt.
1988 brachte ebenfalls einen Dürrenmatt-Comic (basierend auf DER RICHTER UND SEIN HENKER), gezeichnet von einer Zeichenfachklasse am Berner Gymnasium Neufeld. Während die Aussenszenen an den Originalschauplätzen des Romans (und an den Wohnorten von Friedrich Dürrenmatt – selbst der Autor kriegt eine Rolle) akribisch gezeichnet und atmosphärisch gelungen sind, wirken die Innenszenen und die Menschen durch eine konturlose Darstellung seltsam blass. Demgegenüber bringt DER VERDACHT (1993) das Dämonische in einer ganz besonderen Dynamik zum Ausdruck, da die Figuren zugleich kräftiger und düsterer gezeichnet sind und die Dramatik des Bandes unterstützt wird durch die Verwendung der Malereien aus Dürrenmatts Berner Dachkammer, die er beinahe vollständig dekoriert hatte.
Erste eigenständige Comics mit Inhalten, die dem Krimi entsprechen, entstehen beinahe gleichzeitig. Melk Thalmann (Skript: Christian Langhagen) erfindet 1989 Kommissar Roggenmoser in EIN SCHWIERIGER FALL. Dieser Band pflegt ebenfalls das kontrastreiche Schwarz-Weiss. In Tümplingen geschehen um die Familienfirma König herum Morde an drei attraktiven jungen Frauen. Der leicht trottelige Roggenmoser soll sie aufklären. Die Lösung allerdings wird erst im Abspann serviert, und die Schuldigen (König und der Polizeihauptkommissar) kommen ungeschoren davon. DIE ROSSKUR!!! (1992) verwendet erstmals Farbe und gewinnt damit eindeutig an Kraft. Im futuristischen Hochgebirgs-Sanatorium „Zum Himmelsglück“ auf dem Herrgottsnabelhorn wird ein Toter im Schlammbad gefunden. „Wenn man Roggenmoser heisst so wie ich, dann braucht man viel Schlaf, weil man einfach zu viel Stress hat. So schlafe ich also jetzt gerade in der gigampfenden Gondelbahn &Mac226;Eutertal – Herrgottsnabelhorn’ und träume davon, einmal einen Fall innert 24 Stunden zu lösen.“ Die Situation im „geschlossenen Raum“, in dem sich herausstellt, dass jeder jeden bereits von früher kennt, entwickelt sich zu einem absurden Drama mit viel Witz. Kommissar Roggenmoser ist wiederum nicht der Auflöser, sondern der Katalysator der Geschichte, was in der Szene gipfelt, als er Oberschwester Martha anbrüllt: „Es geht Sie gar nichts an, was mir in meinem Comic passiert!“

In ZWISCHENFALL (2005) verknüpft Melk Thalmann das Kriminell-Fiktive mit der jüngeren Schweizergeschichte, indem er den Lausanner Commissaire Godard mit der Reaktorkatastrophe von Lucens 1969 in Beziehung bringt und ihn in einem hoffnungslosen Fall ermitteln lässt. In den Sechzigerjahren, zur Zeit des Kalten Krieges und der atomaren Aufrüstung, an der sich – vor der Inkraftsetzung des Atomsperrvertrags – auch die Schweizer Armee beteiligen will, soll ein abtrünniger Sowjetwissenschaftler bei der Urananreicherung behilflich sein. Dabei werden Brigitte Leroc und ihr russischer Geliebter, Victor Davidoff, getötet. Godard nimmt die Spur auf und findet eine dubiose Armeeinstitution namens I.g.e.L. (Institut für ganzheitliche und eigenständige Landesverteidigung). Damit scheucht der Ermittler böse Geister auf. Die Story ist in expressiven Bildern durchkomponiert und suggeriert historische Wahrheit. So wird der reale GAU in der atomaren Versuchsanlage Lucens zum fiktiven Geschehen.

1994 erscheint LUNA HOTEL von Andrea Caprez und Christoph Schuler sozusagen als Comic zu einer CD der Band „The Jellyfish Kiss“, an der die beiden Autoren beteiligt sind. Der Comicband ist eine Sammlung von Kurzgeschichten zu kriminellen Themen (Tötung aus Eifersucht usw.) in einer sehr expressiven Darstellung in raumgreifenden, dynamischen Bildern.

1996 publiziert Thomas Ott seinen Band DEAD END. Darin werden zwei Geschichten im Stil des Roman Noir erzählt. In der einen geht es um einen als Karussell dargestellten Gelddiebstahl, der nach und nach alle seine Täter zu Opfern macht, wie wenn das Geld als das objektiv Böse handelnde Gestalt angenommen hätte. In der zweiten Story wird ein Jäger zum Gejagten, es ist also auch wieder ein Thriller, der dort aufhört, wo er beginnt. Ott illustriert die Geschichten mit düsteren schwarzflächigen Bildern. Aus diesem dunklen Hintergrund werden mit filigraner Kratztechnik (fragen Sie mich nicht nach den Details...) die Figuren ans düstere Tageslicht geholt. Es sind also sozusagen Kreaturen des Dunkels, die in diesen Geschichten das Licht der Welt erblicken und darin untergehen.
Mit opulenten Bildern arbeitet dagegen der ausgebildete Architekt Matthias Gnehm. 2002 bringt er zur Hundertjahrfeier des Bundeshauses (das ist das Parlamentsgebäude in Bern) in RÄTSEL IN WEISS ein mysteriöses Geschehen auf Papier. Nach und nach verschwinden Decken- und Wandgemälde im Gebäude. Erst nachdem sich zwei verschiedene Ermittlungseinheiten um die Sache kümmern, wird das Rätsel gelöst. Das durchaus witzige Ende täuscht aber nicht darüber hinweg, dass ein einziger Einfall für einen Comic etwas zu mager ist. Konsequenter durchgearbeitet ist demgegenüber die Geschichte TOD EINES BANKIERS, die gleich in zwei Bänden daherkommt: DAS LEBEN IST TEUER (2004) und DER TOD IST GRATIS (2005). Sie beschreibt ein komplexes Komplott, begangen von drei Männern, deren einer aus seinem eigenen Tod noch Profit schlagen will. Eine futuristische Bankenstadt Zürich mit gewagten architektonischen Elementen an der Seefront bildet den Hintergrund des Geschehens. Matthias Gnehms Ausbildung wird dabei in zukunftsweisenden Stadtbildern fruchtbar.


Film

Studers erster Fall (2001, Buch und Regie: Sabine Boss) lässt sich von Friedrich Glausers Matto regiert inspirieren. Claudia Studer ist eine junge Mordkommissarin, die das Vertrauen ihres Chefs noch nicht gewonnen hat. Dieser pfuscht in die Ermittlungsarbeiten um den Mordfall am Chefarzt der psychiatrischen Klinik Sommerfeld hinein und holt aus dem jugoslawischen Pfleger Mirko ein Geständnis heraus. Studer zweifelt diese Theorie an und ermittelt auf eigene Faust weiter, wobei es ihr dank ihrer Hartnäckigkeit gelingt, den wahren Täter zu fassen.

Kein Zurück – Studers neuster Fall (2007, Regie: Sabine Boss, Buch: Isabella & Daniela Cianciarulo) setzt die Serie mit Ermittlungen in einem Kindermord fort.

 

Weitere Fernsehproduktionen sind Tod in der Lochmatt (2007, Regie: Daniel Helfer, Buch: Rudi Burkhalter) mit Bettina Stucky als Kriminalkommissarin Käser. Der Handlunsrahmen erinnert entfernt an C. A. Looslis Schattmattbauern.

 

Ebenfalls fürs Fernsehen in Szene gesetzt wurde Hansjörg Schneiders Hunkeler macht Sachen (2008) mit dem bewährten Personal (Regie: Markus Fischer, als Peter Hunkeler: Mathias Gnädinger).

 

Spital in Angst (2002, Buch: Jürg Brändli, Regie: Michael Steiner) ist ein Thriller nach amerikanischem Vorbild, der in Bern spielt. Die Aareklinik wird von afrikanischen Rebellen gestürmt. In einem Zimmer liegt ein Ex-Diktator, der auf seine Operation wartet. Es geht um das Vermögen, das der korrupte Diktator seinem Volk gestohlen und in Schweizer Banken deponiert hat. Mit dem Überfall und einer Geiselnahme soll die Herausgabe der Gelder bewirkt werden. In den Konflikt hinein gerät die junge und selbstlose Ärztin Katrin Staub, die in dieser Extremsituation mit ihrer Lebensgeschichte konfrontiert wird und ihre Hilflosigkeit erkennen muss.

 

La Diga – Der Damm des Teufels (2003, Regie: Fulvio Bernasconi) erzählt die Geschichte des verarmten Tessiner Bergdorfs „Bosco Lais“, das durch einen Staudammbau zu bescheidenem Wohlstand kommt. Zu dessen Errichtung benötigen die Bewohner jedoch die Hilfe des Teufels, der für seine Dienste eine Seele verlangt. Also ermorden die Bewohner ein Mädchen, dessen Schwester als erwachsene Frau ins Dorf zurückkommt, um das Haus ihrer Tante zu besichtigen, und die damit das gesamte Geschehen wieder aufrollt und die bösen Mächte an den Ursprung ihrer Tat zurück bringt. Einer der wenigen (wenn nicht der einzige) Tessiner Krimi.

 

Lücken im Gesetz (2004, Regie: Christof Schertenleib, Buch: Felix Benesch und Christof Schertenleib) geht vom authentischen Fall eines Hanfbauern aus, der in den Neunzigerjahren ins Räderwerk der Justiz gerät. Im Film wird Michael Krattiger von der jungen Rechtsanwältin Lisa Zürcher verteidigt, die in ihrer Arbeit Verfahrensmängel aufdeckt und auf unerlaubte Absprachen der Behörden stösst. Leider gehört auch Lisas zukünftiger Schwiegervater, ein Freiburger Staatsrat, zu ihren Gegnern. So erhält der Film auch eine persönliche Dramatik.

 

In der TV-Dokumentation Vollenweider – Die Geschichte eines Mörders (2004, Buch und Regie: Theo Stich) wird das Leben von Hans Vollenweider geschildert, der zum dreifachen Mörder wurde und als letzter Mensch in der Schweiz hingerichtet wurde. Er ist am 18. Oktober 1940 im Kanton Obwalden unter der Guillotine gestorben (unter demselben Tötungsgerät, dem ein Jahr zuvor auch Paul Irniger zum Opfer fiel – siehe Buch). Auf den 1. 1. 1942 trat das neue schweizerische Strafrecht in Kraft, das die Todesstrafe verbot.

 

Steinschlag (2005, Buch und Regie Judith Kennel) ist die TV-Verfilmung des gleichnamigen Romans von Emil Zopfi. Im Film kommen naturgemäss die Bergszenen in ihrer ganzen Dramatik zum Ausdruck, hingegen wundert man sich ein bisschen über die Auswahl der Schauspieler und die Veränderungen, die einzelne Figuren gegenüber dem Roman erlebt haben; nicht alles wirkt zwingend. Der Autor selber findet es „ein rundum gelungenes Werk“.

 

Ebenfalls als TV-Verfilmung kommt der Klassiker von Felix Mettler Der Keiler (2006) auf die Leinwand (Regie: Urs Egger). Die Verfilmung ist durchweg geglückt, die Besetzung der Rollen stimmig. Die intensivste Szene des Buches allerdings – die Begegnung mit dem Keiler –, die dem Roman auch den Titel gegeben hat, kommt nicht in derselben Intensität herüber, wie es nötig wäre, um die Handlungsweise des Protagonisten zu verstehen.

 

Havarie (2005, Buch: Jürg Brändli, Regie: Xavier Koller) erzählt die Geschichte einer Zuger Ölhandelsfirma, die mit der ukrainischen Mafia liiert ist. In Szene gesetzt wird das Ganze durch einen Vater-Sohn-Konflikt und die Liebesgeschichte des Sohnes mit einer Umweltaktivistin. Der nach Hollywood-Manier gedrehte Film verbindet eine spannende Handlung mit einzelnen Klischee-Figuren und einem sehr moralischen Schluss.

 

Nachbeben (2006, Regie und Buch: Stina Werenfels; Buch: Petra LĂĽschow) ist ein Thriller ĂĽber einen Investmentbanker und das pseudoidyllische Leben an der ZĂĽrcher GoldkĂĽste.

 

Abgedreht ist auch Marmorera, ein Mystery-Thriller (2007, Regie und Buch: Markus Fischer), in dem auf das gleichnamige Bündner Dorf referiert wird, das 1953 zerstört und in einem Stausee versenkt wurde (nach dem Roman von Dominik Bernet). Die Geschichte aber spielt in Zürich, und es geht um Strom und Wasserkraft, um einen jungen Psychiater und eine schöne Tote.


Theater
Paul Wittwers Roman EIGER MORD UND JUNGFRAU ist in der Bearbeitung von Beat Sterchi von der Theatergruppe Burgdorf ab Silvester 2006 aufgeführt worden.

Radio

Von 1975 bis 1989 und wiederum ab 2002 sendet das Schweizer Radio DRS Hörspiele unter dem Titel SCHRECKMÜMPFELI. Die jeweils etwa zehnminütigen Vertonungen von Kurzgeschichten deutsch- und anderssprachiger Autorinnen und Autoren sind in den Bereichen zwischen Krimi und Horror anzusiedeln. Sie erreichen ein begeistertes Late-Night-Publikum und sind in Ausschnitten nun auch auf einer Hör-CD versammelt.

Max Morell, 1943

„Was für Sie das Wesentlichste an Ihren Kriminalgeschichten ist: geschickte Konstruktion, spannende Handlung, Tempo, Geheimnisse, Sensationen, und vor allem immer wieder die Niederlage des Bösen, des Verbrechens gegen die Kräfte des Guten, der Ordnung, der Gesellschaft, der Gesetze, das interessiert den Kritiker zumeist herzlich wenig. Für die literarische Bewertung Ihres Romans haben diese Dinge kaum Einfluss. [...] Aber ich kenne Ihren Grundsatz: Wer nach grosser Literatur greifen will, der mache es wie ich, er lese Hamsun, Dostojewski, Federer oder irgend einen Klassiker; wer aber Kriminalromane haben will, der lese diejenigen, die vollgestopft sind mit Spannung, Sensationen und Tempo, denn man liest Kriminalromane nicht, um große Literatur zu lesen, sondern um sich zu unterhalten, um auszuspannen, um Rätsel zu erraten, um mal alles zu vergessen und sich einer anderen Welt hinzugeben, und dabei erst noch zu fühlen, das es auf der Erde eigentlich gut eingerichtet ist, weil die Gerechtigkeit zuletzt doch immer Sieger bleibt.“

Paul Vanel zur Kriminalschriftstellerin Esther Kasser in Max Morell: „Die Geissel von Zürich“ (1943), S. 63f

Gerichtsreportagen und Verbrechensberichte

(Buch S. 24) Die lange Tradition der Verbrechenserzählungen und Gerichtsberichterstattungen trat im Laufe der nächsten Jahrzehnte deutlich hinter die fiktiven Kriminalgeschichten zurück, verblasste jedoch nie vollständig. 1943 nahm Max Braunschweig die „Idee eines schweizerischen Pitaval“ auf und schrieb Schicksale vor den Schranken. Berühmte Schweizer Kriminalprozesse aus vier Jahrhunderten. Ihm folgte 1944 Emmy Moor mit Der Gerichtssaal spricht. Chronik aus der Wirklichkeit. Ihre Sympathie gilt den kleinen Leuten: „Der Kriminelle, den man ausserhalb des Gerichtssaales kennt, ist ein Zerbild. Denn es ist ein Krimineller, von dem man nichts weiss als seine Tat. Diese Tat hat den ganzen übrigen Menschen in unseren Augen gleichsam verschlungen.“ 1949 legte Rudolf Eger mit Berühmte Kriminalfälle aus vier Jahrhunderten nach. Auch Frank Arnau befasst sich in seinem umfangreichen Werk des öfteren mit Einzelfalldarstellungen, aber auch mit der Strafrechtspflege insgesamt und mit der Geschichte des Verbrechens, z. B. in Kunst der Fälscher – Fälscher der Kunst. 3000 Jahre Betrug mit Antiquitäten.

Das Schicksal von Anna Göldi, der „letzten Hexe der Schweiz“, hat schon Mitte des letzten Jahrhunderts die Gemüter beschäftigt und zu einer Romanfassung von Kaspar Freuler geführt, 1945 in der Büchergilde Gutenberg erschienen, mehrfach wieder aufgelegt, 1948 zu einem Theaterstück und 1991 zu einem Musiktheater umgearbeitet. Jakob Winteler steuert 1951 das „Urteil der Zeitgenossen“ bei, bevor der Stoff von Eveline Hasler neu bearbeitet wird.

1959 erscheint MORD HINTER GITTERN von Hermann Utz als Fortsetzungsroman im „Schweizerischen Beobachter“, in dem ein fiktiver Plot zum Anlass genommen wird, über den liberalen Strafvollzug zu diskutieren. Kommissär Stefan Kammer vom Polizeihauptposten Lattenberg wird in die Strafanstalt Schlosstal gerufen, um den Mord am Gefangenen Wilhelm Kunzig aufzuklären. Allerdings wirkt der Text sprachlich als auch von der Geschichte her ziemlich unbedarft.

Ende des 20. Jahrhunderts erwacht wiederum das Interesse an alten Kriminalgeschichten. Nachzulesen in Niklaus Stöcklis Vagant. DAS LEBEN DES HANS MELCHIOR VÖGELI, ZUNDELHÄNDLER UND STRAUCHDIEB (1997) ist die Geschichte eines Diebs und Mörders aus dem Fricktal, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelebt hat. Eindrückliche Schilderungen und eine trotz aller Fiktionalität grosse Detailtreue zeichnen das Buch aus.
Gisela Widmer schildert das Schicksal der CLARA WENDEL. GAUNERWEIB UND FLAMMENZAUBERBLICK (1983) aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, das bereits im NEUEN PITAVAL ausführlich dargestellt worden ist. Und Kurt Hutterli erzählt in GAUNERBLUT (1990), wie es im Untertitel heisst DAS LEBEN DES EIN- UND AUSBRECHERKÖNIGS BERNHART MATTER, den man 1854 in Lenzburg öffentlich hingerichtet hat.
In diese Kategorie gehört auch Ruth Balmers KINDSMÖRDERIN. DIE TIEFE VERLASSENHEIT DER BARBARA WEBER (2006).

Franz Rueb hat in AUSMISTEN (2005) den letzten Hexenprozess in Zürich aufgearbeitet. Historische Grundlage bilden die Hexenjagd von Wasterkingen und der darauf folgende Prozess von 1701, der mit acht Todesurteilen endete. Treibende Kraft war dabei der reformierte Hassprediger Antonius Klingler. Franz Rueb hat aus diesem Stoff eine Geschichte mit fiktiven Ergänzungen gemacht, die den soziokulturellen Hintergrund des Geschehens aufzeigen sollen.
Jürg Schoch arbeitet in FALL JEANMAIRE, FALL SCHWEIZ (2006) den wohl undurchsichtigsten Spionagefall der Schweizer Militärgeschichte auf, der einhergeht mit dem Kalten Krieg, mit erotischen Verstrickungen von Schweizer Militärs mit Frauen vorzugsweise aus dem ehemaligen Ostblock und mit verstärkter Geheimdienstarbeit, also mit dem Stoff, aus dem grosse Agentenromane bestehen. Leider war Jeanmaire nur ein biederer Schweizer Offizier. So verläuft sich auch das Dramatische im Kleinräumig-Provinziellen. Dennoch oder gerade deswegen ein Lehrbeispiel.

Petra Ivanov/Perikles Monioudis/Alex Winter

Bezirksanwältin Regina Flint sowie Bruno Cavalli und sein Team von der Kriminalpolizei ermitteln in Zürich in einem Mordfall, der sie auf die Spur von albanischen Frauenhändlern und ihrer Schweizer Hintermänner führt. FREMDE HÄNDE (2005) von Petra Ivanov ist ein „police procedural“ mit viel Lokalkolorit und aktuellen Bezügen (z. B. Südanflüge auf den Flughafen Kloten) sowie mit präziser Sachkenntnis. Dass dabei manchmal allzu viel erklärt wird, mag verzeihen, wer Polizeikrimis liebt. Der Grundkonflikt erschöpft sich leider in Klischees, moralische Ansprüche an die Welt werden nicht literarisch umgesetzt, sondern mit dem Zeigefinger beschworen. Sehr gelungen ist jedoch die Figur des Bruno Cavalli, dessen Wahrnehmung der Welt auf den unterschiedlichen Gerüchen beruht, die zum Beispiel ein Tatort bereithält.


Perikles Monioudis erstellt in FREULERS RÜCKKEHR (2005) ein Psychogramm von Menschen im Glarnerland, die in der Enge des Alpenkantons an sich selber zu Grunde gehen. Untersuchungsrichter Hanspeter Freuler nimmt dabei die Industriellenfamilie Moser ins Visier, die er kennen lernt, weil man den Vater Heinrich tot auffindet, während der Sohn Thomas mit Pokerspielen und Kokain beschäftigt ist und die Tochter Veronika ehrgeizigen Geschäften nachgeht. Freuler, eben erst nach Jahrzehnten aus dem Ausland zurückgekehrt, identifiziert sich nach und nach mit der Geschichte des Opfers.

Alex Winter debutiert 2005 mit EIN GESPÜR FÜR MORD, dem im gleichen Jahr noch DIE TOTEN VON MOONLIGHT BAY folgen soll. Daryl Simmons heisst sein Held, Polizist im australischen Outback. Er wird nach Perth beordert und zum Detective ausgebildet, nachdem er den Entführer und Mörder seiner Freundin gefasst hat. Der Umstand, dass ihre Leiche nicht gefunden worden ist, treibt ihn in den Outback zurück, wo er sich unter abenteuerlichen Umständen bewähren muss. Ein besonderes Flair für die Aborigines und ihre Mythen und Gebräuchen zeichnet den Detective aus.


Sabina Altermatt/Michael Theurillat/Bernadette Calonego/Jean Willi
VERRAT IN ZÜRICH WEST (2005) heisst der Debut-Krimi von Sabina Altermatt. Eine Polizistin ohne Überzeugung (Anita Sanchez) hilft der Schwester der von einem Hausdach gefallenen Billa Casutt aus der Zürcher Hausbesetzer- und Politszene. Sie deckt – gegen Ende mit der Hilfe ihres Vorgesetzten (Kopp) – eine grandiose Verschwörung auf. Die polizeiliche Ermittlungsarbeit schlägt dabei einen weiten Bogen von der Limmatstadt bis ins Bündner Maiensäss.

Michael Theurillats Debut IM SOMMER STERBEN (2005) führt Kommissar Eschenbach ein, einen Brissago rauchenden Zürcher Polizisten, der den Tod des Bankiers Philipp Bettlach klären soll, der ausgerechnet auf einem Zürcher Golfplatz stirbt. Es dauert ein bisschen, bis die komplexen Zusammenhänge sichtbar werden, die zu diesem Mord geführt haben. Der Verlag meint: „Mit der Figur des Kommissar Eschenbach ist Theurillat ein ausnehmend sympathischer und eigenwilliger Serienermittler gelungen, der sich bei drückender Hitze nur unwillig eines Mordfalls in der besseren Zürcher Gesellschaft annimmt.“ Da stehen uns also noch Fortsetzungen bevor.

Eine Frage drängt sich mir immer mehr auf: Gibt es eigentlich nur Polizisten (und Kommissare und Detektive), die ihre Arbeit ungern tun? Oder ist das eine Verirrung in den Hirnen der Autor/innen, die mit den hard boiled-Helden der Fünfzigerjahre zu tun hat?

Bernadette Calonego entwirft in NUTZE DEINE FEINDE (2005) ein Sittenbild von Feindschaft und Intrige in der Marketingabteilung eines internationalen Lederwarenkonzerns. Mit überzeugender Ortsgenauigkeit, nachvollziehbaren Handlungssträngen und solider Sprachbeherrschung schildert die Autorin das wechselvolle Leben der Josefa Rehmer, die sich in einem Netz von vermeintlichen Freunden verstrickt sieht. Calonego eröffnet mit der modernen Wirtschaftswelt ein neues Feld für den Krimi. Leider hat niemand die Autorin darauf hingewiesen, dass man dafür nicht knapp 400 Seiten braucht und dass am Schluss eines Krimis die Logik eine entscheidende Rolle spielt, sonst könnte ich diesen Roman uneingeschränkt empfehlen.

Jean Willi schreibt mit MATAR (2005) eine Spielanleitung. Das Spiel beginnt mit einer Frage: „Was hatte ich mir dabei gedacht, jemanden umbringen zu wollen und mit der Planung dieses Vorhabens am ersten Tag des neuen Jahres zu beginnen?“ Im ersten Teil des Romans lesen wir das Tagebuch des Ich-Erzählers: „Nur ich selber entscheide, was gut und was böse ist, und es ist nicht gesagt, dass das Gewissen ein guter Ratgeber ist.“ Es entwickeln sich das Psychogramm eines Mörders und die Vorbereitungshandlungen zur Tat. Im zweiten Teil erleben wir das Geschehen aus der Perspektive eines möglichen Opfers. Der Tagebuchschreiber behauptet nun, einen Kriminalroman zu schreiben, der von einem Heckenschützen handelt. Fiktion und Realität geraten durcheinander. Was über den Vorsatz zum Töten hinaus fehlt, ist ein Motiv, das nicht nur für den Protagonisten Gültigkeit hat.

Boni Koller/Tom Combo/Reto Luzius Fetz
Boni Kollers WAS IST PASSIERT DAS BUCH DER MISTERIES (2005) ist eine Spielart der kriminell-makabren Kürzestgeschichte, die sich irgendwo zwischen Witz und Comic eingliedern lässt. In ihr werden dem Publikum Fragen gestellt wie: „Ein Toter liegt nackt am Fusse einer Felswand, neben seiner Hand liegt ein abgebrochenes Streichholz. Was ist passiert?“ Mit Bob Dylan könnte man sagen: The answer is blowin’ in the wind.“

Tom Combo knüpft in SPIELRAUM (2004) die Mythen der Neuen Welt zu einem Quilt krimineller Art: Mexican Wrestling, Selbstfindungsseminare, American Indians und ihr gesteigertes Wahrnehmungsvermögen, Handies, Waffen und die weiteren Ingredienzien der „modernen“ Zivilisation. Big Ben Harding, der Wrestler, der eben noch einen Kampf gewonnen hatte, bricht tot zusammen. Sein Kollege, der den Tod aufklären will, heisst ausgerechnet Traven. Er ist zur Hälfte Zuni und hat deswegen Gefühle besonderer Art. Der Roman spielt – wie sein Titel antönt – mit den verschiedensten literarischen, gesellschaftlichen und ethnologischen Versatzstücken.

Reto Luzius Fetz macht in IM SCHATTEN DES GREIF (2004) die Stadt Fribourg zum Handlungsort eines philosophischen Kriminalromans. Professor Blöchli erscheint nicht zur Lehrprobe von Maximilian de Greyff. Er ist im Keller der Universitätsbibliothek zwischen den Rollregalen zu Tode gekommen. Der Dozent Lacurt, Mentor des jungen de Greyff, ermittelt wider Willen in einem Vefahren, das von Kommissär Gondrand und Inspektor Juvet geleitet wird und das ihn in die Tiefen der Familiengeschichte der de Greyffs führt.


Peter Stamm
Mit SCHWESTER ERNA. LIEBEN UND LEIDEN EINER EDLEN DULDERIN versucht sich Peter Stamm 2002 in der Parodie von Romanheften (was eher mit Peter Stamms Vorstellung von Romanheften und weniger mit der realen Produktion zu tun hat und dem Autor wohl mehr Vergnügen bereitet als dem Leser), indem er Unheimliches auf Burg Wolfsschlucht schildert, wo sich zwischen Ärzten, Krankenschwestern und Patientinnen Dramatisches ereignet: „Es war Erna, die noch zu dieser Stunde auf den wohlgeformten Beinen war. Als sie den Hörkreis der beiden Ärzte verlassen hatte, lachte der Mädchenverführer Désiré sein meckerndes Lachen und sagte: &Mac226;Fahr wohl, kleines Ding. Aus der Kellergruft ist noch keine zurückgekehrt.’“


Beat Glogger/Urs Augstburger/P & P
Der Wissenschaftsjournalist Beat Glogger greift in seinem ersten Thriller XENESIS (2004) das Thema der Xenotransplantation auf, also der Übertragung tierischer Organe auf den Menschen. Im Roman werden die Tiere gentechnisch verändert, um den menschlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Diese Anmassung gegenüber der Schöpfung führt zur Katastrophe, zu einer gefährlichen Epidemie. Persönliche Feindschaften überlagern die Ereignisse, und es kommt zum Mord. Mit grosser Präzision schildert der Autor Krankheitsverläufe, Spitaltechnik und die Hilflosigkeit der Behörden gegenüber den besorgniserregenden Ereignissen. Dass dabei auch noch die Vogelgrippe eine Rolle spielt, war zum Zeitpunkt des Schreibens zwar nicht utopisch, aber doch sehr weitsichtig. Hollywood und TV-Sprache sind dem Autor nicht unbekannt und haben einen deutlichen Einfluss auf die Textgestaltung.

In Urs Augstburgers Debut FÜR IMMER IST MORGEN (1997) bietet sich Jacob Neuhaus in einem Inserat als „Mann für alles“ an und erhält den Auftrag, einen Matteo Mela zu verfolgen, den er zuerst dabei beobachtet, wie er eine Schauspielerin namens Luana umbringt. Die grauen Eminenzen hinter dem Auftrag beobachten jeden von Jacobs Schritten. Das Amulett der toten Frau bringt Matteo zu den Hopi, die inzwischen in der Moderne angekommen sind. In Zürich bearbeitet parallel dazu die Untersuchungsrichterin Carezza Bruna den Fall. Das literarische Road Movie mit kriminellem Hintergrund spielt hauptsächlich in den Südstaaten der USA. Der Autor hat bestimmt bei Tony Hillerman gelernt, der nun ja nicht der schlechteste Lehrmeister ist.

Untersuchungsrichter Berger erfüllt sich mit einer Afrikareise einen Jugendtraum, sucht aber gleichzeitig den Lehrer Hartmeier, der eine Schülerin missbraucht haben soll. DER GESANG DER BLINDEN (1999) von Franco Supino ist neben der Suche nach einem Verbrecher auch die Suche der Hauptfigur Berger nach dem Sinn seiner eigenen Existenz.

In den kurzen Romanen von P & P (Matthias Peter und Daniel Pfister), jeweils zuerst als Fortsetzungstexte im St. Galler Tagblatt erschienen, nehmen in St. Gallen beunruhigende Ereignisse ihren Lauf. Max und Willi kämpfen sich durch den Alltag einer Stadt mit Minderwertigkeitskomplexen. Dort läuft unter anderem ein Buchmörder herum, der eine Kopie von Henning Mankells „Mittsommermord“ durchschiesst (SECHS SCHÜSSE, 2000). Dabei gibt es auch ein paar Seitenhiebe auf die lokalen Literaten und ihre Kritiker. TÖTENDE TÖNE (2001) nimmt die Musikszene aufs Korn, und in SPRENG SÄTZE (2002) gibt es eine Bombendrohung gegen das Redaktionsgebäude der lokalen Zeitung und gegen einige Museen. Die aktuellen Bezüge lassen einen den Wandel von St. Gallen miterleben und machen die Texte für Kenner der Örtlichkeiten besonders reizvoll.

Tessin: Andrea Fazioli/Carlo Luisoni
Mit dem Privatdetektiv Elia Contini hat der 1978 geborene Andrea Fazioli dem Kriminalroman mit CHI MUORE SI RIVEDE (2005) nun auch den Zutritt zum Tessin geöffnet (von einzelnen genrenahen Texten und der im Exil lebenden Liaty Pisani abgesehen).
Ein Ermordeter im Zentrum von Lugano, ein mysteriöses Diamantencollier, Ermittlungen in Bellinzona, in Zürich während der Street Parade und im Zug auf der Gotthardlinie eröffnen Faziolis Krimi einen Handlungsraum, der aus dem Tessin wieder hinausweist in einem Text, der sich zu einem klassischen Detektivroman mausert.

1977 schriebt Carlo Luisoni einen Roman mit dem Titel ARTIGLI, den man mit viel gutem Willen noch als Krimi bezeichnen könnte, einfach deshalb, weil eine Ermittlungseinheit unter Untersuchungsrichter Ferguson und Polizeiinspektor Harris auftritt. Eigentlich handelt es sich um einen Horrorthriller, den ich doch berücksichtigen will, weil aus dem Tessin an Krimis sehr wenig vorhanden ist. Der Zahnarzt Charlie Mason fungiert als Ich-Erzähler. Er wird zum Grabmal des Fürsten Huske Von Arnold gerufen, weil sich dort unheimliche Dinge abspielen. Er soll die Identität des Toten anhand seiner Zähne bestätigen, nimmt dabei aber eine gallertige Substanz mit, die lebt und ihn und seine Freundin infiziert, so dass sie schliesslich Teil des Reichs der Untoten werden, die nur dank der Übernahme jungen Lebens ewig existieren können. Insofern ist ARTIGLI ein makabrer Vampirroman, der in den Siebzigerjahren spielt.

Spionagethriller

(Buch S. 92f)

Neben Georges Simenon und Frédéric Dard haben auch andere Autoren von Weltruf Jahre ihres Lebens in der Schweiz verbracht und sind, weil sie zu Wegbereitern des Genres gehören, für die Entwicklung des Krimis in unserem Lande von Bedeutung. Wir betrachten sie im eigentlichen Sinne jedoch nicht als Schweizer Autoren, da sie den prägenden Teil ihres Werks nicht in der Schweiz geschrieben haben.

Allen voran darf man Patricia Highsmith erwähnen, die ihre letzten zwölf Lebensjahre im Tessin verbrachte (ab 1983) und immerhin das Schweizer Bürgerrecht beantragte, vor dessen Erlangen sie jedoch verstarb (1995). Ihr Nachlass liegt ausserdem im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern (dessen Gründung übrigens auf eine Initiative von Friedrich Dürrenmatt hin erfolgte). Der von ihr phänomenal verkörperte Psychothriller hat jedoch in der Schweiz nur vereinzelte Nachahmer gefunden.

Eine ungleich stärkere Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Spionagethriller und Agentenroman. Obwohl sich seine Geschichte als eine Folge von undurchsichtigen Handlungen liest, wie es in diversen Büchern geschildert wird, gibt es doch einige Hinweise, die man an anderer Stelle genauer verfolgen müsste. Bereits während des Ersten Weltkriegs hält sich Somerset Maugham etwa 1916/17 in Genf auf und lernt das Spionagehandwerk, bevor er vom britischen Geheimdienst nach Russland auf die grosse Weltbühne geschickt wird.

John le Carré (Pseudonym für David John Moore Cornwell) hält sich ab 1947 als sechzehnjähriger Schulabgänger für ein paar Jahre bei Verwandten in der Schweiz auf und wird hier auch erstmals vom britischen Geheimdienst MI6 kontaktiert. An der Universität Bern studiert er Germanistik, lernt die deutsche Kultur kennen und schätzen und begegnet seinem Idol Thomas Mann. In späteren Jahren wird das Berner Nobelhotel Bellevue in Le Carrés Romanen mehrfach zum Treffpunkt für Spione. Schliesslich nimmt sich der Autor eines urschweizerischen Themas an – Neutralität und Spionage –, als er 1991 seinen Bericht zum Fall Jeanmaire veröffentlicht, Ein guter Soldat, in dem er feststellt: „Wahrscheinlicher aber kommt mir vor, dass er das seltenste der Geschöpfe Gottes ist: ein Spion, der, selbst wenn er täuschen will, nicht das leiseste Talent dazu hat.“ Und etwas später im Text: „In einer solchen Atmosphäre wurde Jeanmaire naturgemäss in die oberen Ränge des Pantheons der Spione erhoben, und die Schweizer waren nicht in der Stimmung, sich sagen zu lassen, dass ihr Spion nicht genauso wichtig sei wie die Spione anderer Leute.“

Eric Ambler kam 1968 in die Schweiz, mit 59 Jahren, zu einer Zeit, als seine wichtigsten Bücher bereits geschrieben waren, verfasste hier aber immerhin noch vier Romane – darunter Der Levantiner – und seine Autobiographie Ambler by Ambler, bevor er Anfang der Neunzigerjahre wieder nach London übersiedelte.

Ab 1967 besuchte Graham Greene regelmässig seine Tochter, die in Montreux wohnte, bevor er in den späten Achtzigerjahren endgültig in die Schweiz zog, nach Corseaux, wo er die Ruhe und Inspiration fand, die er für sein Schreiben brauchte. 1991 verstarb Grahem Greene in Vevey und wurde auf dem Friedhof von Corseaux begraben.

Dass Donna Leon in amerikanischen Schulen in der Schweiz gearbeitet hat, ist wohl eher eine Fussnote der Geschichte als eine prägende Erfahrung. Ihre Schreibseminare in Ernen (Wallis) in den letzten Jahren werden vielleicht zukünftige Publikationen beeinflussen.

1973 (deutsch 1974) erscheint Paul Erdmans Roman „Der Milliarden Dollar-Schnitt“. Erdman ist Amerikaner, hat jedoch entscheidende Jahre seines Lebens in der Schweiz verbracht. „Bis 1970 [war er] Leiter der United California Bank in Basel, gegen die die Schweizer Gerichte z. Zt. einen der größten Wirtschaftsprozesse  der letzten Zeit führen.“ (Innenklappe) In den Jahren, in denen die USA die Bindung des Dollars ans Gold abschwächen und später gar aufheben, werden Insiderinformationen zu einem Milliardendeal missbraucht. Inspektor Dr. Georges Bernoulli aus Bern wird mit der Aufklärung des Verbrechens beauftragt.

Die Schweiz als Schauplatz in Kriminalromanen ist ein Thema, das noch genauer bearbeitet werden muss. Nicht zuletzt spielt unser Land auch in DDR-Kriminalromanen eine entscheidende Rolle, allerdings nicht immer in der Funktion, in der es sich selber zu sehen wĂĽnscht.

Achtzigerjahre
Mitte der Achtzigerjahre streift Peter Brotschi in seinen beiden Erzählungen LIEBE EINER FASNACHT (1984) und BRANDTEUFEL (1987) das Genre des Kriminalromans. Es geht um Wilderei und Brandstiftung, um Aussenseiter der Gesellschaft und die Reaktion auf ihre Taten. Brotschi verarbeitet in seinen Romanen aber auch viel Grenchner Lokalkolorit.
1986 publiziert Daniel de Roulet den zweiten seiner beiden Krimis um das Thema Computerkriminalität: ZÄHLEN SIE NICHT AUF UNS (den ersten hatte er 1981 unter dem Pseudonym „Little Brother“ veröffentlicht: DIE HÖLLEN-ROUTINE. EIN COMPUTER-POLITKRIMI). Beide sind nicht auf Französisch erschienen, obwohl zumindest der zweite aus dem Französischen übersetzt worden ist. Zum Inhalt: Am ersten internationalen Kongress über die Anwendung der künstlichen Intelligenz soll vom amerikanischen Geheimdienst mit den 600 Teilnehmern ein illegaler Impfstofftest durchgeführt werden. Das Buch, in dem „Armand-der-Schweizer“ eine Rolle einnimmt, spielt mit allen Ingredienzien der späten 80-er-Bewegung bis zu Zitaten ihrer selbst (P. M. spielt sein „Demono“ und ist zugleich Teil-Übersetzer, Joseph Weizenbaum bekommt eine Rolle). Ins Netzwerk eingeschleuste Walgesänge bringen das System ins Schleudern, und als durch eine Computermanipulation ein Boss des Geheimdiensts stirbt, gerät das Ganze ausser Kontrolle.

Silvio Blatter schildert in DIE SCHNEEFALLE (1981) aus der Sicht des Schweizer Polizisten Walker und seines deutschen Kollegen Jansen die Suche nach deutschen Terroristen, die beim Überfall auf eine Zürcher Bank nicht nur einen der Ihren verloren, sondern auch einen Beamten erschossen haben. Im winterlichen Hochgebirge werden die Fahnder fündig, allerdings erwischen sie statt der Terroristen ein Touristenpärchen. Der Roman ist Heinrich Böll gewidmet und lehnt sich etwas an DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM an.

Urs Widmer
Urs Widmer bringt in DIE LANGE NACHT DER DETEKTIVE (1973) ein Stück auf die Bühne, „in dem alle meine Lieblingsdetektive gemeinsam auftreten“, – allerdings unter leicht veränderten Namen – „in welchem aber auch die Zeit spürbar würde, die inzwischen, seit meiner ersten Bekanntschaft mit den grossen Weltdetektiven vergangen ist“. Die Gesellschaft trifft sich beim 80jährigen Shylock Hoames, der ein Testament verfasst hat. Einer unter ihnen, Jerry Corton, wird mit einem Krummdolch, der an der Wand hing, mit einem Stich in den Rücken getötet. Diese detektivische Farce verwendet Elemente aus den Büchern über die Beteiligten, wirkt aber heute etwas zu zeitgebunden.

Paul van der Hurk (1897-1983): Die unheimliche Schachpartie (ca. 1949/50)

Die Handlung spielt vollständig in Zürich und der näheren Umgebung. Es konnte bisher nicht eruiert werden, ob und allenfalls wie lange sich Paul van der Hurk in Zürich aufgehalten hat. Die genauen Ortsbeschreibungen legen einen Bezug zu Zürich nahe.

 

Dr. Peter Mönk ist als deutscher Schriftsteller in der Nazizeit nach Zürich emigriert, wo er in einer Wohnung am Lindenhof lebt und soeben seinen ersten Bestseller „Die Abtrünnigen“ veröffentlicht hat. Jeden Mittag trifft er sich mit dem Antiquitätenhändler Leonard zum Schachspiel im „Café Froeschli“, wo die Serviertochter Anni argwöhnisch beobachtet, wie Mönk jede Partie verliert.

Verloren hat er auch seine frühere Geliebte, Ursula Brandhoff, die es vorzog, eine Weltkarriere als Filmschauspielerin zu machen und die nach neun Jahren aus Schweden in Zürich eintrifft. Sie wird vom Fotografen und Gerichtsreporter Charles Roberts aus Chikago belästigt, der wiederum Peter Mönk Grüsse von seinem Vater ausrichten soll, denn Mönk hatte ihm zur Flucht nach Amerika verholfen.

In der „Pension Elite“ wird am gleichen Abend ein Raubmord an einem ungarischen Kaufmann namens Jarosy verübt, bei dem eine bedeutende Anzahl Diamanten gestohlen wird. Mönk gilt bald als Täter, alle Anzeichen deuten auf ihn, und es stellt sich später heraus, dass auch ein Teil der Beute in einem Versteck in seiner Wohnung liegt. In verstörtem Zustand kommt er nach Hause, wo Ursula und Charly auf ihn warten, ihn im Glauben an seine Unschuld von der Polizei abschirmen und ihn in die psychiatrische Privatklinik von Dr. Bernardi verfrachten. Es besteht der Verdacht auf einen posthypnotischen Auftrag, dessen Ausgangspunkt die Schachpartien gewesen sein könnten und mit dem ein Verbrechen vertuscht werden soll.

Kommissär Biel und der junge Bezirksanwalt Dr. Ernst Haeckerlin – früher unsterblich verliebt in Ursula Brandhoff – ermitteln auf anderen Wegen. Die Polizei bekommt telefonische Hinweise, unter anderem von einem Parapsychologen, der das Versteck in Mönks Wohnung kennt.

Nun meldet sich Mr. Wood, ein Vertreter des amerikanischen Geheimdienstes, bei Biel und identifiziert den Toten als William H. Jost, US-Correspondent in Berlin, der sich im Auftrag der Militärregierung in Zürich aufhält. Mönks Buch ist der Anlass für diese Untersuchung, denn es berichtet über die ungarische Widerstandsbewegung, die im Krieg eine Banknotenfälscherwerkstatt betrieben hat und nun offenbar Dollarnoten fälscht.

Wood dröselt die „Zufälle“ auf und erkennt das raffinierte Täuschungsmanöver der Verbrecher. Diese haben inzwischen Ursula überwältigt und wollen sie unter Hypnose nach Paris fahren. Ursula, die ihren Schlaf fingiert, wird an der Grenze festgehalten. Schliesslich werden die vier Herren im Auto verhaftet und die Diamanten sowie das Falschgeld sichergestellt. Die Fälscherwerkstatt befindet sich im Keller von Leonards Antiquitätengeschäft.

Ravena-Verlag Basel
Der Ravena-Verlag Basel produzierte von 1952-1958 zwei Krimi-Reihen für Leihbüchereien, vornehmlich Übersetzungen aus dem Englischen: eine rot-weisse und eine schwarz-weisse Reihe. Die Reihen wurden bis 1961 von der Dörnerschen Verlagsgesellschaft Düsseldorf weitergeführt (insgesamt 92 Ausgaben).

Rudolf Frank

Chicago-Süd (1945) von William G. Frank ist eine „Brotarbeit“ von Rudolf Frank (unter dem Namen seines Bruders), der unter seinem eigenen Namen in der Schweiz nicht publizieren durfte. Die 17-jährige Mary Camper, genannt Mara, ist „eine der beliebtesten und geachtetsten Eintänzerinnen des grossen Amüsier-Etablissements ‚Eos-House’, Park-Ridge, Chicago.“ Mit dem Erlös aus einem Diebstahl glaubt die „klugäugige“ Mary , ihrem Leben neuen Schub geben zu können. Doch es kommt anders. Sie wird gefasst und in ein Erziehungsheim gesteckt, wo sie Mädchen aus einer Verbrecherbande kennenlernt. Sie stellen den Kontakt zur Grand-Crossing-Gang her, brechen aus der Anstalt aus und beginnen eine Einbrecher- und Diebeslaufbahn, die bös zu enden drohte, wäre da nicht die Liebe, die auf ein Happy-End hinweist, bei dem John Sweeney, der berüchtigte Herrscher der Unterwelt, zu Tode kommt und bei dem eine „Gangster-Epidemie [...] einer Verlobungs-Epidemie“ Platz macht.

Rudolf Frank hat auch einige Kriminalromane unter Pseudonym auf Deutsch übersetzt. Ob er zusätzlich – wie in einer Biographie erwähnt – der Autor  von Motiv in h-moll (unter dem Namen Hanna Ricker) ist, bleibt vorderhand ungeklärt.

 

Ursula von Wiese
Ursula Guggenheim-von Wiese ist die Schwester des Literaturprofessors Benno von Wiese und heiratet 1931 Werner Johannes Guggenheim aus St. Gallen (unter anderem Übersetzer von Ramuz’ FARINET). Ab 1940 arbeitet sie für den Albert Müller Verlag und wird eine treibende Kraft, insbesondere durch die Übersetzung von einigen Dutzend Kriminalromanen für die Reihe A. M.-Auswahl (hauptsächlich aus dem Englischen). 1943 greift Ursula Guggenheim-von Wiese unter dem Pseudonym Renate Welling selber zur Feder und schreibt den Krimi DER TODESSPRUNG, der im Budapester Artistenmilieu spielt. In späteren Jahren verfasst sie gemeinsam mit Irmalotte Masson unter dem Pseudonym Lotte Pré Krimis, die in Zeitungen erschienen, aber nicht greifbar sind. 1981 schliesslich veröffentlichen die beiden Autorinnen den Jugendkrimi DIE GESTOHLENE SONNE, in dem sich die Zwillinge Rolf und Linda als Detektive versuchen und einen Maler, der in der Galerie ihrer Mutter ausstellt, des Diebstahls eines Gemäldes von El Greco verdächtigen.

Hanna Ricker: Motiv in h-moll

Inspektor Ahlsten, Nachtpostenkommandant auf einem Stockholmer Polizeirevier, spielt in Hanna Rickers MOTIV IN H-MOLL (1943) die Hauptrolle. Er entwickelt sich angesichts eines Mordfalls zu einem wahren Kriminalermittler und überflügelt damit seinen Chef, Kriminalkommissar Frisell. Ermordet wird Clara Thunberg, die reiche Frau eines Mannes, der hauptsächlich Klavier spielt und sich mit Menschen umgeben hat, die alle zu Verdächtigen werden: sein Bruder Holger, ein Don Miguel Esquigiribia aus Brasilien, der Diener Arne Fahlström.

Nachdem zuerst alle Verdachtsmomente gegen den Ehemann sprechen, ergibt die akribische Ermittlungsarbeit der Polizei Spuren, die sie niemandem genau zuordnen kann. Ahlsten kombiniert dabei beinahe wie Sherlock Holmes, kann den Fall aber doch erst in allerletzter Minute lösen, als – nachdem sich bereits der Diener umgebracht hat – ein zweiter Mord droht. Überführt wird schliesslich der Ehemann, Ivar Thunberg, „der erste Verbrecher, der sich selbst mit Indizien überhäufte, um die Polizei zu zwingen, ihn zu entlasten“.

Über die Identität der Autorin (oder des Pseudonyms?) ist weiterhin nichts Genaues bekannt.

Bergkrimi
Bergromane sind in ihrer speziellen Dramatik von Kriminalromanen manchmal schwer zu unterscheiden. Oft spielt ein absichtlich ausgelöster Tod eine Hauptrolle (das tönt nun ein wenig seltsam, aber es ist bei den allen Berggängern bekannten Gefahren nicht immer einfach, zwischen Mord und der Dudlung einer „Naturhandlung“ zu unterscheiden, beispielsweise wenn jemand von einer Lawine verschüttet, aber vorher in den gefährlichen Hang gelockt wird). Gustav Renker ist ein Autor zwischen den Genres. In SCHICKSAL AM PIZ ORSALIA (1945) schildert er das Leben von zwei Deutschschweizer Grenzwächtern in den Tessiner Bergen um Bosco Gurin (eine Geschichte, die 2001 in Urs Augstburgers SCHATTWAND in neuer literarischer Umgebung wieder auftaucht). Zur Alpenidylle und zum Alltag im Walserdorf gesellen sich die Probleme mit Schmugglerbanden sowie amouröse Verwicklungen. Als ein „harmloser“ Berggänger erschossen wird, baut sich die Spannung erst richtig auf. Renkers Roman entwickelt eine dramatische politische Seite, als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus den Schmugglern italienische Partisanen werden, die gegen die Waffen-SS kämpfen und Flüchtlinge über die Berge in die Schweiz bringen. „Es gibt so viele brave Soldaten, die dazu noch menschliche Bestien sind. Eigentlich ist jeder Soldat eine Bestie, die nur töten will oder muss“, sagt einer der „Helden“.
Was als private Bergidylle beginnt, endet mit kriegerischen Kampfhandlungen, mit dem Auslösen der gefürchteten grossen Lawine durch Sprengsätze, mit einem tragisch-heldenhaften Bergtod, mit Liebe und Verzweiflung. Trotz dieser filmreifen Kulisse, die genügend Gelegenheit zu Pathos liefern würde, bleibt der Text des Autors auch heute noch lesbar, ja man geniesst die sprachliche Präzision. „Seltsam, dass das Licht mit dem blonden Haar des Mädchens ein so närrisches Farbenspiel trieb! Es schien wie aus leuchtendem Kupfer.“

Rudolf Jakob Humm über Friedrich Glauser:
„Mit Friedrich Glauser betrete ich wieder pathologisches Gebiet, und ich hebe es gern hervor, denn an ihm wird klar, dass Pathologie nicht unbedingt mit Albernheit verbunden zu sein braucht. Friedrich Glauser, der zwei Jahre in der Fremdenlegion diente, worüber er auch ein Buch geschrieben hat, war mit seinen pädagogischen Kriminalromanen ein Vorläufer des grösseren Kriminalromantikers Friedrich Dürrenmatt, mit dem er einige Züge gemeinsam hat, nur dass er, weniger handfest als dieser, eine Begabung für die Bühne weder hatte noch vermisste.“

In: R. J. Humm: Bei uns im Rabenhaus. Zürich 1963: Fretz & Wasmuth Verlag


Jenö Marton
Jenö Marton schreibt in den Dreissigerjahren drei Abenteuerromane für die Jugend, von denen STOP HEIRI – DA DURE...! der originellste ist. Gian Capeder wird nach Schulschluss auf dem Heimweg entführt und nach langen Ermittlungen und wilden Verfolgungsjagden durch das Kanalsystem der Stadt Zürich von seinen Freunden, den Golfhosenklüblern unter der Leitung von Polizist Sturzenegger, befreit. Das Buch ist selber ein Ereignis, denn der Text wird angereichert durch eine grosse Zahl von Bildern, durch verschiedene Typographien, fingierte Zeitungsberichte und originelle Ablaufschemen, die beinahe schon die Brücke zum Comic schlagen, wie z. B. der „Plan: Heiris Abenteuerfahrt Nr. 1“, der im Minutentakt in Bildern einen Weg beschreibt, oder auch im ergänzenden „Lausbuben-Lexikon“, das den Begriff „Indizium“ wie folgt erklärt: „wenn jemand über dem rechten Mundwinkel verräterische, dunkelblaue Flecke spazieren führt, die unzweifelhaft von Heidelbeeren herrühren müssen, dann hat die Frau Mama dieses Herrn Jemand ein Indizium für die Naschhaftigkeit ihres Sohnes“.

Ergänzung C. A. Loosli
C. A. Loosli gibt das Entstehungsjahr der SCHATTMATTBAUERN je nach Quelle mit 1924, 1925 oder1926 an. Der Roman erschien 1929/30 – in Looslis Worten – „verstümmelt und zerrissen“ im „Schweizerischen Beobachter“, einer der wichtigsten Publikumszeitschriften der Schweiz. 1932 ermöglichten Freunde des Autors eine erste Buchausgabe, von der keine 400 Exemplare verkauft wurden. Erst 1943, mit der Edition in der Büchergilde Gutenberg, kam der Erfolg mit 7500 Auflage innert einem Jahr.

Der Giftmordprozess Riedel-Guala: Ein Justizirrtum?
1926 wird der Arzt Dr. Max Riedel gemeinsam mit seiner Freundin, Fräulein Antonia Guala, in Burgdorf wegen gemeinschaftlich begangenem Mordes an seiner Ehefrau Ida Riedel mittels der Verabreichung von Arsen verurteilt, dazu kam Beihilfe zur Abtreibung. Das Urteil lautete auf 20 Jahre Zuchthaus und dauernden Entzug des Arztpatentes. Bereits im Gymnasium ist Riedel dadurch aufgefallen, dass er mit der „exaltierten Ehefrau des Konviktvorstehers“ heimlich nach Amerika auswandern wollte, jedoch nur bis Paris kam, da die notwendigen Papiere fehlten. Dies mag Fritz Roth mit bewogen habe, ein Gesuch um die Wiederaufnahme des Verfahrens zu stellen und dieses nicht nur in einem Buch ausführlich darzustellen, sondern neue Elemente in das Strafverfahren hineinzubringen mittels Parapsychologie und Kriminal-Telepathie. Leider ist mir der Erfolg des Unterfangens nicht bekannt.

Hans Blum

Ebenso interessant ist die Biographie von Hans Blum (1841-1910). Er wurde geboren als Sohn des Politikers Robert Blum, der 1848 in Wien als Revolutionär hingerichtet wurde. Hans Blum wuchs in Bern auf, wo er 1961 das TRAUERSPIEL SAMUEL HENZI schrieb, seine erste grössere Dichtung über den Mann, „der 1749 versucht hatte, sein Bern zu einem wirklichen Freistaat zu machen, und dafür auf dem Richtblock endete“. „Henzis Streben und Tod [hatte] mit dem meines Vaters Ähnlichkeit“, sagt Blum in seinen LEBENSERINNERUNGEN. Hans Blum heiratete 1865 Anna Fischer aus Rheinfelden. Er wurde 1869 in Leipzig Rechtsanwalt, arbeitete später am Reichsgericht und als Direktor einer Versicherungsgesellschaft, bevor er nach seiner Pensionierung 1898 wieder in die Schweiz zog, zu der er immer gute Beziehungen pflegte. In Rheinfelden baute er für seine Familie eine Villa und verbrachte dort seine restlichen Lebensjahre.
In Deutschland begann er mit einer regen Publikationstätigkeit, hauptsächlich Erzählungen und Novellen, deren Stoffe er aus seiner Arbeit am Reichsgericht schöpfte.

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Zum französischsprachigen Text

Michel Bory
In L’ASSASSINAT DU PRÉSIDENT BUSH (2006) schickt Michel Bory seinen Serienhelden commissaire Alexandre Perrin auf eine gefährliche Mission zwischen rivalisierenden Geheimdiensten. Er trifft Hans Hugentobler, seinen Freund von der Bundespolizei, am Comptoir Suisse in Lausanne, wo sie Ermittlungsergebnisse austauschen. Einerseits über eine mysteriöse Sektengeschichte in der Westschweiz, bei der es bei einem Massenselbstmord nicht nur Tote gegeben hat, sondern in die auch ein Richter verstrickt ist. Im bernischen Seeland hingegen wird die Ermordung des US-Präsidenten Bush anlässlich eines Schweizbesuchs vorbereitet. Michel Bory baut ein klassisches Verschwörungsdrama mit vielen Protagonisten auf und lässt bis gegen Schluss offen, ob sein Kommissar Perrin nur Spielball von widerstreitenden Interessen ist oder ob er selbständig Handelnder bleibt. Und ob Bush den Anschlag überlebt oder nicht, wird hier nicht verraten.

Theater

Auch in der Westschweiz gibt es mit Rêves en Stock eine Theatertruppe, die MEURTRES ET MYSTÈRES auf die Bühne bringt. Dieses Angebot geht einher mit einem Abendessen und wird an verschiedenen Orten angeboten. Bisher sind mir fünf Aufführungen bekannt: DÉLIRE AU TRIBUNAL (ein Justiztrauerspiel mit falschen Zeugen), VENDANGE MAUDITE (natürlich über den Weinbau). SACRIFICE À MARÉE BASSE (Historiendrama auf einer französischen Insel), TRISTE SORT ET SORTILÈGES (eine magische Welt der Hexerei), L’ALLIANCE DAMNÉE (ein Mittelalterspektakel) und MARIAGE SANGLANT (eine blutige Mésalliance). An den Verkaufszahlen gemessen, ist das Angebot sehr erfolgreich. Allerdings kann ich über die Aufführungspraxis leider nichts sagen, da ich nie dabei war.

Comics
Die Westschweizer Comic-Tradition ist bereits sehr lang und hat einige Meisterwerke hervorgebracht. Eines davon ist bestimmt Cosey mit seiner Farinet-Adaption A LA RECHERCHE DE PETER PAN (1984, deutsch 1987). Der serbische Schriftsteller Vlatko Z. Zmadjevic verbringt unter seinem englischen Pseudonym Melvin Z. Woodworth seinen Urlaub im Walliser Bergdorf Ardolaz und begibt sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit, da sein geliebter Bruder Dragan im Grand Hôtel gestorben ist. Dort trifft er auf Baptistin, einem Compagnon von Farinet, der die Falschmünzerei wieder aufgenommen hat. Noch schicksalshafter ist aber die Begegnung mit Evolena, einer schönen jungen Frau, die sich als Baptistins Tochter herausstellt und das Glück in Woodworths Leben zurück bringt. Hervorragende Zeichnungen einer verlorenen Walliser Alpenwelt prägen den Doppelband.
Simon (Tschopp) und Daniel Varenne erzählen 1989 in FARINET das Leben des Falschmünzers in gehaltvollen Stimmungsbildern, allerdings in Kleinformat und Kleinstauflage. Die Comic-Version ist unabhängig von Ramuz’ Roman.

Jacques Hirt
Der ehemalige Bürgermeister von La Neuveville schickt seinen Commissaire Bouvier zusammen mit der attraktiven Inspectrice Thu tia Trang auf Ermittlungen in die Region der Dreiseenlandschaft und in die Gassen seiner Stadt, in der menschliche Tragödien unter den Herbstnebeln verschwinden. Entstanden sind daraus zwei Romane: UNE BIÈRE POUR DEUX (2004) und LA MYGALE ETLA SOURIS (2005). Ausgangspunkt des ersten ist der reale Fall des mit Kolibakterien verschmutzten Wassers von La Neuveville im Jahr 1998. In der Folge erkrankten mehr als 2000 Einwohner, mindestens zwei starben. Jacques Hirt war damals Gemeindepräsident, er arbeitet also seine eigene Geschichte auf. Zu diesem Zweck führt er Commissaire Bouvier und L’Inspectrice Thu tia Trang ein, die nicht an einen Unfall glauben.

1996

Jacques-Alain Clément lässt in LE FUTUR CONDITIONNEL (1996) Kommissar Lebroc etwas umständliche Ermittlungen aufnehmen in einem sonderbaren Fall. Der beginnt damit, dass in einem Lausanner Warenhaus ein Tagebuch gefunden wird mit vielen intimen Eintragungen aus dem homosexuellen Milieu, aber auch mit Todesdrohungen.
Im selben Jahr schreibt Edouard Sacha Lapp TIENS-TOI À CARREAUX. Der Krimi spielt in Yverdon und Umgebung und beliefert die Leser/innen mit einem Lexikon von Umgangssprachlichem, sei dies Waadtländer Patois oder gar Germanismen: Zum Kleinmotorrad Florett: „Il prononçait fleurette, s’attardant interminablement sur le &Mac226;eu’ et en parlait comme d’une vache de bon rendement.“


Jacques-Etienne Bovard/Rémy PaganI/Jean-Pierre Keller
In DEMI-SANG SUISSE (1994, dt. DER NEBELREITER, 2002) von Jacques-Etienne Bovard wird in einer steilen Schlucht im Jura die Leiche von Julien Chapart, Anwalt und gnadenloser Polemiker, gefunden. Die Waadtländer Kriminalpolizei stellt einen Reitunfall fest. Die Gerüchte über einen Mord verstummen jedoch nicht. So wird Inspektor Jean-Claude Abt, der nach dem Fichenskandal von 1991 bei der politischen Polizei überflüssig geworden ist, ins Pferdezentrum des Essert geschickt, um neue Spuren aufzunehmen. Abt versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen, indem er sich selber eine Fiche anlegt (wie er es über andere nicht mehr machen darf): „Ist es die Projektion eines Polizisten, der mit sich hadert, oder ist es möglicherweise natürlich, sein Territorium zu überwachen?“

In Rémy Paganis LES BEAUX JOURS REVIENDRONT (1994) wird im Genfersee die Leiche einer jungen Frau namens Christelle gefunden. Vor über zwei Monaten ist die Freundin von Walter verschwunden, nun taucht sie aus dem schmutzigen Seewasser wieder auf als eingeschnürtes Paket. Der Mann, der sich als Hausbesetzer gegen die Immobilienspekulation zur Wehr setzt, macht sich auf die Suche nach den Mördern von Christelle. Mit Hilfe von Inspecteur Tanquerel und Commissaire Praplan wird ein grosses Komplott aufgedeckt. Der Plot leidet allerdings ein bisschen unter dem politischen Eifer des Autors. Dennoch wird Pagani in seinen Romanen zum Chronisten der Genfer Widerstandsbewegungen der Neunzigerjahre.

In MEURTRE AU MUSÉE (1995) von Jean-Pierre Keller beginnt alles mit der Einweihungsfeier für ein neues Museum für moderne Kunst. Ein Schwächeanfall zwingt den Ich-Erzähler, sich in einem wenig besuchten Raum auf ein Bett zu legen. Als er erwacht, hat sich alles verändert. Ein seltsamer Detektiv namens Théo Furlan führt ihn zu einem Saal, den er bisher nicht gesehen hat und in dem die Leiche einer Frau liegt. Nun beginnt eine Recherche, die immer wieder auf die Kunst des 20. Jahrhunderts Bezug nimmt und unsere ganze Zivilisation in Frage stellt.

Jack Ener
Leider ist es bis jetzt nicht gelungen herauszufinden, wer hinter dem Namen Jack Ener steckt. Jedenfalls publizierte dieser Autor 1958 in Neuchâtel den Spionageroman OPÉRATION MASSACRE. Er erzählt die Geschichte von Selma Pringer und Karl Zweifel, Vertrauensmann des sowjetischen Geheimdiensts. Als Eintrittsprüfung in den Dienst muss Selma den polnischen FBI-Agenten Koza Zschowsky umbringen. Dafür fährt sie aus dem russischen Sektor Berlins in den Westen. Der Mord bringt sie aus der Fassung. In einem ungewöhnlichen Perspektivwechsel zwischen der Ich-Erzählerin und einem allwissenden Erzähler wird der Fortgang der Geschichte berichtet, einer Geschichte, die zwar chronologisch abläuft, aber immer wieder durch Rückblenden unterbrochen wird. (Es würde nicht erstaunen, wenn zwei Personen an der Ausarbeitung dieses Textes beteiligt waren.) Ein zweiter Auftrag führt Selma und Karl nach Genf ins Hotel Luxor, wo sie dem Amerikaner Fred Lucky eine elektronische Uhr abnehmen sollen, die eine Neuenburger Firma zur Steuerung von Langstreckenraketen entwickelt hat. Dies gelingt, aber nun befinden sich die beiden auf der nächtlichen Flucht vor dem amerikanischen Geheimdienst. Unterwegs ist bei Martigny eine Umleitung angezeigt. Auf diesem Weg stirbt Selma auf einem Bahnübergang in ihrem Auto, eine Szene, die in einer ungewöhnlichen Verdichtung der Perspektive erzählt wird.

Sylvère Galard, Pierre Widal: L’affaire de Berne
Am 14. Februar 1955, abends um 10 Uhr, wird in Bern die rumänische Botschaft überfallen. Ein Kommando stürmt die Residenz, um Dokumente zu behändigen, und erschiesst dabei den Chauffeur des Botschafters. Die Angelegenheit wirbelt begreiflicherweise viel Staub auf und führt zu diplomatischen Kontroversen zwischen der Schweiz und Rumänien.
Galard und Widal haben nun aus diesem (real stattgefundenen) Überfall einen dokumentarischen Roman gemacht, der das Leben und die Motive der Beteiligten ins Licht rückt. Der Text beginnt nach der Schilderung des Anschlags mit einem Stimmungsbild aus dem Bukarest von 1954, wo sich ein paar Leute, unter ihnen Micaël Brassiu, genannt „Briss“, treffen. Sie haben früher gegen die SS gekämpft und tun es heute gegen die Securitate. Briss muss flüchten und trifft in Rom seine Kampfgenossen, die schliesslich den Überfall in Bern verüben. Der dabei Getötete erweist sich als „grand patron“ der Securitate und anderer östlicher Geheimdienste in der Schweiz. Der Überfall gelingt, aber das Schicksal der einzelnen Mitglieder des Kommandos endet tragisch. Die Mischung aus Tatsachen und Fiktion (deren jeweiliger Anteil nicht zu unterscheiden ist) macht das Buch lesenswert.

Détective-club - Verlagsgeschichte
Eine Ausnahme machten die Editions Ditis in Genève mit ihrem „Détective-club“ ab 1945 bis 1955 (insgesamt 115 Ausgaben), die es im „Detektiv Club“ Winterthur zu einer kurzlebigen deutschsprachigen Ausgabe brachten (1950-52 mit 12 Büchern). Es handelt sich bei den Texten allerdings ausschliesslich um Übersetzungen aus dem angloamerikanischen Raum.

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